Montag, 15. Mai 2017

Hey, wir lassen eine Jury über die Preisträger abstimmen; zumindest solange es uns in den Kram passt.

Bevor es sich versendet, möchte ich noch über die Goldene Kamera 2017 schreiben.

Dort wurde ja bekanntlich Ryan Gosling in der Kategorie Bester Film International ausgezeichnet – nachdem Joko und Klaas dem Veranstalter vorgetäuscht hatten, Gosling würde zur Verleihung kommen sofern er einen Preis bekommt. So stellen es zumindest Joko und Klaas in dem Making of dar (Teil 1: http://www.prosieben.de/tv/circus-halligalli/videos/94-goslinggate-teil-1-fake-ryan-gosling-prank-goldene-kamera-2017-clip und Teil 2: http://www.prosieben.de/tv/circus-halligalli/videos/94-goslinggate-teil-2-fake-ryan-gosling-prank-goldene-kamera-2017-clip). Der Veranstalter bestätigte quasi die Auszeichnung aufgrund von „auf der Show sein“ gegenüber der Welt: „Deshalb entschied sich die Redaktion der Goldenen Kamera den Film ,La La Land’ auszuzeichnen und den Preis stellvertretend für das gesamte Film-Team Ryan Gosling zu übergeben.“

Was mich an dieser stutzig machte, war der Widerspruch zur Website der Goldenen Kamera, wo es heißt, eine Jury (und nicht die Redaktion) wähle Preisträger aus: „Wer sich am Ende in geheimer Wahl durchsetzen konnte, erfahren auch die Jurymitglieder erst am Samstag, 4. März 2017, im Rahmen der ZDF Live-Übertragung der Gala.“ (http://www.goldenekamera.de/preisverleihung/article208983463/Unsere-Jury-Auf-der-Suche-nach-den-Besten.html?ref=sec)

Ich habe die Goldene Kamera und verschiedene Jury-Mitglieder (über ihre Agenturen) angeschrieben, welche Rolle die Jury tatsächlich hat und wie die Wahl denn so ablaufe. Ich habe entweder keine Reaktion erhalten (z.B. von der Goldenen Kamera und den meisten Jury-Mitgliedern) oder Antworten, dass die Klienten momentan furchtbar beschäftigt seien (Wotan Wilke Möhring und Friedemann Fromm).

Für mich ergab das alles den Eindruck, dass der größere „Skandal“ an der Verleihung eine Feigenblatt-Jury ist.

Die kleine Null möchte beim Schwimmmeister abgeholt und in die Y-Achse aufgenommen werden!

Auf tagesschau.de gibt es eine Analyse zur Landtagswahl vom 14. Mai 2017. Darin findet sich auch eine Grafik, die den Rückgang der Zustimmung zur Aussage "Hannelore Kraft versteht, was die Menschen in Nordrhein-Westfalen bewegt" veranschaulichen soll:

Bild 1: von http://www.tagesschau.de/inland/nrw-wer-waehlte-was-warum-101~magnifier_pos-3.html
Ich habe mir die Zahlen angeschaut und den Eindruck gewonnen, der Verlust in der Zustimmung ist noch viel größer als bei tagesschau.de angeben:

Bild 2: X-Achse gestaucht.
Das ist natürlich Quatsch; ich habe die X-Achse gestaucht, um es extremer aussehen zu lassen. Ich unterstelle dem Autor Fabian Grabowsky von tagesschau.de hier keine bewusste Irreführung der Art wie ich es eben demonstriert habe. Eigne "Fälschung" ist es in keinem Fall (solange die Zahlen stimmen), denn richtige Zahlen, ungeschickt darstellen, macht die Zahlen noch nicht falsch). Allerdings ist es einfach unsauber, die Y-Achse nicht bei 0 beginnen zu lassen. Hätte er sich dieses "Tutorial" seiner tagesschau(/Faktenfinder)-Kollegin Verena Stöckigt zu Herzen genommen, sähe die Grafik in etwa so aus: 
Bild 3: y-Achse fängt bei 0 an. (die x-Achse ist für die Vergleibbarkeit mit Bild 2 weiterhin gestaucht.)

Aber ganz ehrlich: wenn man die Informationen im Text hat - wie im vorliegenden Fall - braucht man dann noch ein Liniendiagramm mit ganzen zwei Punkten?

Donnerstag, 19. Januar 2017

Wer Lesen kann, muss Fakten nicht im Konjunktiv schreiben


Ab und an, frage ich mich schon warum Journalisten (bzw. Nachrichtenagenturen) nicht selber ins Gesetz schauen? Heute habe ich bspw. in der Welt einen dpa-Bericht gelesen:
"Dem Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) droht einem Verfassungsrechtler zufolge im Falle einer Verurteilung wegen Bestechlichkeit eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren."
 Um das rauszufinden muss man keinen Verfassungsrechtler befragen. Es reicht vollkommen nach "Bestechlichkeit" zu googlen. Man muss nicht mal wissen (ob wohl man das sollte), dass die allermeisten Straftaten im Strafgesetzbuch zu finden sind. Google führt einen dann zielsicher auf diesen Link: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__332.html. Dort liest man dann "[...] Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren" also genau das, was einem der Verfassungsrechtler auch erzählt.

Nicht falsch verstehen, es macht durchaus Sinn, Experten zu einem Thema zu befragen. Allerdings kann man sich seines eigenen Verstandes bemächtigen und die offensichtlichen Fakten selbst nennen (vlg. dazu Journalisten-Regel Nr. 2345). Wie es besser geht zeigt die Marion Kerstholt auf tagesschau.de: "[...] will die Opposition [...] wissen, warum die Behörden nicht versuchten, Amri nach Paragraph 58a des Aufenthaltsgesetzes abzuschieben [...] Danach kann der jeweilige Innenminister die Abschiebung eines Ausländers zur Abwehr einer besonderen Gefahr für die Sicherheit des Landes oder einer terroristischen Gefahr beantragen."

Freitag, 14. Oktober 2016

Die befremdlichen Äußerungen des Alexander Krauß

Alexander Krauß hat zum Tod von Dschaber al-Bakr geschrieben: „Der syrische Terrorist Albakr ist tot. Im Gegensatz zu den Grünen ist das für mich kein Grund zur Trauer. Ich bin froh, dass er niemand anderen mit ins Verderben ziehen konnte.“ [http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jaber-al-bakr-suizid-in-sachsen-failed-freistaat-kommentar-a-1116399.html]

Diese drei Sätze befremden mich aus mehreren Gründen an:

  1. Krauß sagt nicht explizit, dass der Tod für ihn ein Grund zur Freude ist, aber durch die Kombination von „kein Grund zur Trauer“ (also neutral oder positiv) und „Ich bin froh, dass ...“ spricht aber für eine positive Haltung gegenüber dem Tod al-Bakrs. Ich denke aber, dass es „normal“ ist jeden Tod eines Menschen zumindest mit gemischten Gefühlen zu betrachten, wenn man etwas Menschlichkeit und Empathie in sich trägt. Selbst der Tod von Menschen, von denen eine tatsächliche Gefahr ausgeht, ist meines Erachtens nie nur positiv. Denn es sollte jeden nachdenklich machen, wenn ein Mensch in Notwehr oder Nothilfe getötet wird, weil er so „abseitig“ (damit meine ich im Blut- oder Drogenrausch, psychisch krank, fanatisiert etc.) war, und die von ihm ausgehende Gefahr nicht anders abgewendet werden konnte. Auch wenn ein Mensch aus freien Stücken und wohlüberlegt sein Leben beendet (ein Recht, das ich, sofern niemand anderes daran Schaden nimmt (egal ob körperlich oder seelisch), begrüße), hat dieser Mensch Mitgefühl verdient, da es ihm in dieser Welt offenbar (egal ob tatsächlich oder nur vermeintlich) so schlecht ging, dass er von ihr gehen wollte. Ich möchte aber nicht sagen, dass man um jeden Tod trauern muss. So wie man meiner Meinung nach, Menschen nicht für ihre Trauer verurteilen sollte, sollte man sie auch nicht für ihre nicht-Trauer verurteilen (s. Punkt 4). Aber reine Freude über einen Tod finde ich seltsam. Als Blick zurück zu Ähnlichem bietet sich hier natürlich die Äußerung von Angela Merkel zum Tod von Osama bin Laden an „Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“[http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-05/bin-laden-merkel-koalition-streit].
  2. Nur ein kleiner, sprachlicher Punkt: er spricht von „den“ Grünen, was einfach eine bescheuerte (wenn auch alltägliche) Verallgemeinerung ist. Mehr Zeit zu Differenzierung muss sein.
  3. Über traurige Politiker der Grünen habe ich nichts gefunden, nur Statements die die Tatsache, dass sich al-Bakr töten konnte kritisieren vgl. [hier] oder [hier]. Nur Al-Bakrs Anwalt äußerte explizit Trauer: „Al-Bakrs Pflichtverteidiger Alexander Hübner zeigte sich 'entsetzt und traurig'“[http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/politiker-al-bakr-selbstmord-reaktionen]. Den Grünen Trauer nachzusagen (wobei ich Trauer gar nicht schlimm fände (s. Punkt 1)) erweckt bei mir den Verdacht, dass Krauß hier ein Strohmann-Argument verwendet (Übertreibung der Kritik an der Tatsache, dass sich al-Bakr töten konnte, zur Trauer) um bei den Menschen, die in diesem Fall keine Trauer verspüren (so wie es bspw. [hier] oder [hier] in den Kommentare geäußert wird), oder sie für unangemessen halten (wie offenbar Krauß), die angeblich trauernden Grünen verächtlich zu machen.
  4. Abgesehen von der Frage, ob Grüne Politiker tatsächlich trauern oder nicht; geht Krauß zu diesen auf Distanz. In den Sätzen schwingt Unverständnis über Trauer mit und eine Art Empfehlung was man eigentlich empfinden sollte. Trauer muss man aber auch nicht verstehen. Ich beispielsweise verstehe nicht wie man in Tränen ausbrechen kann, wenn sich eine Musikgruppe auflöst, würde aber nie auf die Idee kommen einer deshalb traurigen Person zu sagen „das ist kein Grund zur Trauer, sondern zur Freude.“ Ich möchte aber die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Krauß die Trauer mancher Grünen akzeptiert, auch wenn er sie selbst nicht teilt und einfach nur seine Sicht auf den Tod al-Bakrs darstellen wollte; halte dieses Szenario aber für unwahrscheinlich (vgl. auch Punkt 3).
  5. Die Aussage, dass er einfach nur froh sei, dass niemand sonst zu Tode kam ist aus zwei Gründen daneben.
    1. Erstens, war al-Bakr ja schon in Untersuchungshaft, das Fremdgefährdungspotential war also äußerst gering (die Wahrscheinlichkeit, dass er ausgebrochen oder befreit worden wäre sehe ich als vernachlässigbar klein an. Die Chance andere Gefangene oder JVA-Angestellte zu gefährden war sicher da, aber -so hoffe ich- handhabbar).
    2. Zweitens sollte man meiner Meinung nach weder über den Tod eines Tatverdächtigen noch des eines Verurteilten froh sein mit dem Argument, er können nun die ihm zu Last gelegten Strafen nicht mehr begehen. Auch zu lebenslanger Haft rechtskräftig verurteilte Mörder können sich ändern und haben eine Chance verdient, im Leben nochmals in Freiheit zu sein (das hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt), weil, da sind wir wieder beim Thema, sie sich sonst gleich das Leben nehmen könnten, wenn sie das Gefängnisleben als nicht lebenswert ansehen. Auch haben Menschen, nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben und ihre Tat bereuen, meiner Meinung nach ein Recht darauf von der Gesellschaft aufgenommen und angenommen zu werden, denn sie haben ja Buße getan. Die Gesellschaft ist dann aufgefordert, diesem Menschen zu vergeben. Das sind eigentlich ziemlich althergebrachte Begriffe und eigentlich zentral im Christlichen Glauben, weshalb es mich regelmäßig verwundert, wenn ich so etwas von Mitgliedern einer Partei höre, die ein „Christlich“ im Namen haben. Geographisch passend, Stanislaw Tillich: „Das sind keine Menschen, die sowas tun. Das sind Verbrecher.“ [http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-sachsen-tillich-nennt-provokateure-von-bautzen-und-clausnitz-verbrecher-1.2873135]
  6. Dieser Gedanke „zum Glück kann er jetzt niemandem mehr schaden“ ist sehr nahe an der Todesstrafe, denn dort ist das ein zentrales Argument dafür (neben der vermeintlichen Abschreckung und der unmenschlichen und auch tatsächlich falschen Behauptung, es würde Kosten sparen https://www.welt.de/print-wams/article608077/Die-Hinrichtung-kostet-mehr-als-eine-lebenslange-Haft.html). Und die ist bekanntlich abgeschafft. Wäre also Krauß auch froh gewesen, wenn ein JVA-Angestellter al-Bakr getötet hätte? Das Ergebnis (also die Tatsache, dass al-Bakr nun tot ist) wäre ja das selbe gewesen, nur das Zustandekommen nicht und Krauß bezieht sich ja nur auf den Tod und nicht auf das Zustandekommen des Todes (dass es al-Bakr trotz Kontrollen geschafft hat Selbstmord zu begehen). Und damit sind wir beim letzten Punkt.
  7. Ein wieder kleinerer Punkt: Das Zustandekommen des Todes wird von Krauß nicht wirklich thematisiert. Man darf aber m.e. ruhig Diskussionen zu Bereichen führen, ohne die anderen Bereiche umfassend zu thematisieren. Allerdings ist es hier schon bemerkenswert, dass ein Menschen in staatlicher Obhut umgekommen ist. Ich möchte nicht sagen, dass hier Fehler gemacht wurden (das kann ich einfach nicht einschätzen), denn grundsätzlich finde ich es richtig, dass (Untersuchungs-)Häftlinge nicht rund um die Uhr beobachtet werden, sondern auch ein gewisses Maß an Privatsphäre (die eh schon viel zu klein ist) haben. Wie oben erwähnt befürworte ich auch das Recht auf eine wohlüberlegte Selbsttötung aus freien Stücken. Deshalb sollte es meiner Meinung nach auch Gefangenen möglich sein, sich das Leben zu nehmen. Natürlich kann der Staat, Stand heute, das nicht einfach geschehen lassen, und deshalb ist es in diesem Fall eben zu erörtern, wie das passieren konnte. Unter http://www.tagesschau.de/inland/gefaengnis-suizid-101.html oder http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/leipzig-jaber-al-bakr-tod-suizid-jva/seite-2 wird das Thema Suizid in (Untersuchungs-)Haft behandelt. Für die Zukunft kann man überlegen, ob der Staat, wenn ein Selbsttötungswilliger seinen Tod wohlüberlegt und aus freien Stücken will, und der Staat von beiden Voraussetzungen überzeugt ist, ihn dabei unterstützen kann (nicht muss! Ich bin dagegen, dass jemand dazu gezwungen werden kann, jemand anderen zu töten! Noch unklar bin ich mir, wie weit andere den Willen zur Selbsttötung akzeptieren müssen in dem Sinne, dass sie nicht einschreiten dürfen.)

Zusammengefasst, stört mich an Krauß' Äußerung die ein positive Sichtweise auf den Tod (1), die Pauschalisierung auf die Grünen (2), dass er womöglich mit einem Strohmann-Argument die, von Grünen Politikern, geäußerte Kritik entwerten will (3), eine mögliche Entwertung von Trauer in diesem Fall (4), der implizite Unsinn, dass von einem Untersuchungshäftling Gefahr ausginge (5.1) und der Mangel zu sehen, dass auch verurteilte Menschen eine zweite Chance verdient haben (5.2), die Nähe der Äußerung zur Todesstrafe (6) und das nicht-Thematisieren eines diskussionswürdigen Vorgangs (7).


Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Montag, 18. Juli 2016

Nicht nur die Todesstrafe ist ein Problem, auch die beabsichtigte Rückwirkung

Wenn in der Türkei kurz nach dem Putschversuch laut über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachgedacht wird, geschieht dies offenkundig mit dem Blick auf diejenigen die aktuell des versuchten Putsches verdächtig sind. Wenn die Anwendung auf die aktuellen Fälle tatsächlich beabsichtigt ist,* wäre das eine rückwirkende Strafverschärfung. Und bei so etwas muss ich leider Godwin's Law erfüllen und darauf verweisen, dass das nur in schlimmsten Diktaturen (wie der Naziherrschaft, vgl. bspw. Lex Götze) möglich ist. 

Die EU muss meiner Meinung nach also nicht nur darauf pochen, dass die Todesstrafe nicht wieder eingeführt wird, sondern auch dass den Verdächtigen keine schwereren Strafen drohen als es das Gesetz am Tag des Putschversuchs vor sah.

Wenn man ehrlich ist, ist allein das Nachdenken über die Einführung der Todesstrafe in diesem Kontext ein zwingender Grund, die EU-Beitrittsverhandlungen (bis die Regierenden in der Türkei gewechselt haben) auszusetzen.

* Nachtrag 19.07.2016: Wie tagesschau.de berichtet bezieht sich die Forderung der Todesstrafe eindeutig auf die aktuellen Fälle: "Er verwies bei CNN auf einen Wunsch seines Volkes nach der Höchststrafe. 'Warum sollte ich sie (die Putschisten) auf Jahre hinweg im Gefängnis halten und füttern? - das sagen die Leute.' Die Menschen wollten 'ein schnelles Ende' der Putschisten, zumal sie Angehörige, Nachbarn oder Kinder verloren hätten."[http://www.tagesschau.de/ausland/erdogan-ankuendigung-101.html] Hier ist der CNN-Bericht: http://edition.cnn.com/2016/07/18/europe/turkey-president-erdogan-interview-coup/index.html. Darin heißt es u.A.

"The Turkish people have made it clear they want death for the 'terrorists' who plotted the coup, Erdogan said in his first interview since the July 15 attempt.
'The people now have the idea, after so many terrorist incidents, that these terrorists should be killed, that's where they are, they don't see any other outcome to it,' he said." [...] 'Why should I keep them and feed them in prisons, for years to come? That's what the people say,' he said. 'They want a swift end to it, because people lost relatives, lost neighbors, lost children ... they're suffering, so the people are very sensitive and we have to act very sensibly and sensitively.'"

Ein neuerer Bericht auf tagesschau.de erwähnt die Unzulässigkeit der Rückwirkenden Strafverschärfung: http://www.tagesschau.de/ausland/erdogan-ankuendigung-103.html.

* Nachtrag 20.07.2016: auch im Spiegel oder Deutschlandfunk (und bestimmt noch viele andere) verweisen auf die Unzulässigkeit der rückwirkenden Strafverschärfung. Am 18. um 15:42 Uhr hat auch schon der Stern auf die Problematik hingewiesen (PS: Aus irgendeinem Grund haben heute ab 16 Uhr viele Leute diesen Blog aufgerufen - ohne dass ich ihn irgendwo verlinkt hätte...)

Montag, 7. März 2016

Facebook und der Hass

Allgemeine Geschäftsbedingungen
Überlegungen ob ich Facebook wegen des darin verbreiteten und nicht gelöschten Hasses den Rücken kehren soll.

Erste Überlegung

Ist es legitim ein Verhalten zu missbilligen, das der Staat nicht bestraft? Oder anders gefragt: muss man erdulden was ein anderer tut, wenn der Staat ihm die Freiheit einräumt es zu tun?

Es ist gut, dass nur Gerichte Strafen verhängen dürfen, und dass die Verfahren streng geregelt sind - andernfalls wären wir reiner Willkür ausgesetzt. Das Strafrecht regelt aber nicht alle Bereiche des Lebens und das ist für ein freie Lebensführung auch unabdingbar. Aus diesem Grund mischt sich der Staat auch nur in die persönliche Lebensführung ein, wenn es gute Gründe dafür gibt.

Im Gemeinschaftsleben gibt es aber viele Zwischentöne zwischen "super" und "strafbar". Nicht jeder muss den außerehelichen oder homosexuellen Geschlechtsverkehr super finden, nur weil die entsprechenden Paragraphen aus dem Strafrecht gestrichen wurden – auch das ist Freiheit.

Ich finde es wichtig, dass man sein Handeln an seinen Überzeugungen ausrichtet und ausrichten darf – so lange es die Freiheit anderer nicht unverhältnismäßig einschränkt. Ein Beispiel: Brettspieler müssen nicht immer wieder der Einladung des Spieleabends-Gastgebers folgen, wenn dieser ein notorischer Schummler ist (auch wenn es ansonsten ein netter Mensch ist); sie dürfen die Einladung ablehnen. Genauso legitim ist es m.E. den Schummler von weiteren Spielabenden, die nicht der Schummler veranstaltet, auszuladen. Nicht in Ordnung fände ich eine genereller Ausgrenzung (bspw. ihn von Geburtstagsfeiern auszuladen).

In Deutschland kann man sich auch dafür einsetzen, dass ein bislang strafloses Handeln zukünftig strafbar wird (die Datenhehlerei ist bspw. erst seit Dezember 2015 ein Straftatbestand). Umgekehrt kann man auch toll finden, was unter Strafe steht, oder sich dafür einsetzen, dass es nicht mehr strafbar ist (bspw. setzt sich die Giordano-Bruno-Stiftung dafür ein, dass die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird (s. http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/petition-166-stgb). Als guter Demokrat muss man dann aber selbstverständlich auch akzeptieren, dass es geltendes Recht ist und ein Verstoß dagegen verurteilt wird.

Meine Antwort zur ersten Überlegung lautet deshalb: Ja, man darf missbilligen was der Staat nicht bestraft und muss nicht alles erdulden. Im Rahmen der Verhältnismäßigkeit und der eigenen Freiheit darf man auch entsprechend der inneren Haltung handeln.

Zweite Überlegung

Kann ich gegenüber Facebook die Erwartungshaltung haben, nicht strafbaren Hass zu löschen?

Ich habe eine große Abneigung gegenüber Hasskommentaren auf Facebook, da sie (grundsätzlich richtige und notwendige) Diskussionen vergiften und die Lösungs-/Kompromissfindung unglaublich erschwert oder so verlangsamt wird, dass sie in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht zustande kommt. Einige Kommentare richten sich auch schlicht und ergreifend gegen die Würde des Menschen. Rein intuitiv gehe ich auch davon aus, dass sich (analoge) Gewalttäter durch die hasserfüllte Atmosphäre zu ihren Taten motiviert oder in ihrem Vorhaben bestärkt sahen.

Basierend auf der ersten Überlegung bin ich der Meinung, dass ich die Hasskommentare nicht erdulden muss. Ich persönlich habe auf Facebook die Möglichkeit bestimmte Kommentare – oder gleich alles von der verbreitenden Person (eine Facebook-Freundschaft (die im echten Leben keine war) habe ich bisher aufgegeben) – nicht mehr anzeigen zu lassen. Aber nur weil ich die Hasskommentare nicht mehr sehen kann, hören sie natürlich nicht auf, die Diskussion zu vergiften, weshalb ich sie gerne löschen würde. Als einzelner Nutzer kann ich das nicht persönlich – was auch sehr richtig ist, sonst gäbe es vermutlich kaum noch Diskussion. Ich kann aber Facebook anregen, solche Kommentare zu löschen. Facebook führt dann eine Löschen– vs. Behalten–Enscheidung durch.

Kann ich verlangen, dass Facebook den nicht strafbaren Hass als genauso schädlich sieht wie ich? Ich würde hier zugunsten der unternehmerischen Freiheit entscheiden und sagen, dass Facebook das Recht hat, (unter anderem) eine Plattform für nicht strafbaren Hass zu sein.

Ob Facebook das sein will oder nicht ist ein nächster Aspekt. In seinen Gemeinschaftsstandards schreibt das Unternehmen: „Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen:
  • Rasse,
  • Ethnizität,
  • Nationale Herkunft,
  • Religiöse Zugehörigkeit,
  • Sexuelle Orientierung,
  • Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität oder
  • Schwere Behinderungen oder Krankheiten.“
(https://de-de.facebook.com/communitystandards) Es hat also das erklärte Ziel bestimmten Hass zu löschen. Mir persönlich ist die Definition von Hassbotschaft aber zu eng gefasst. Hass ist Hass, nicht nur wenn er sich gegen die genannten Gruppen richtet! Leider verstoßen beispielsweise sadistische, menschenunwürdige Gewaltphantasien gegen Kinderschänder nicht gegen die aktuellen Gemeinschaftsstandards. Ich möchte aber, sofern möglich, nicht Teil einer Gemeinschaft sein, in der der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ausnahmen kennt. Noch viel weniger möchte ich, dass durch meine Mitgliedschaft so etwas (indirekt) unterstützt wird (Firmen zahlen an Facebook Geld um mir ihre Werbung zeigen zu dürfen. Mit diesem Geld betreibt Facebook Server, mit denen der Hass verbreitet wird). Der Hass ist das Eine (das Grundübel) und der Umgang von Facebook damit das Andere (das Folgeübel). Das Folgeübel sehe ich momentan sogar als gewichtiger für meine Entscheidungen.

Meine Antwort zur zweiten Überlegung: ich kann nicht von Facebook erwarten, nicht strafbaren Hass zu löschen. Aber ich kann einen Anspruch mir gegenüber formulieren: Wenn meine Haltung und die Gemeinschaftsstandards nicht zueinander passen, muss etwas geschehen. Momentan sehe ich da nur zwei Möglichkeiten: 1. Facebook überarbeitet seine Gemeinschaftsstandards dahin gehend, dass Hass sich nicht nur gegen die genannten Gruppen richten muss um gelöscht zu werden (und löscht auch entsprechend konquent). 2. Ich verlasse Facebook.

Einordnung

Zu den zwei Möglichkeiten: Sie sind natürlich keine Drohung in Richtung Facebook (so naiv bin ich wirklich nicht), sondern eine Art (sehr kurzer) Entscheidungsbaum. Ich hoffe darauf, dass Mark Zuckerberg seine Ankündigung von Ende Februar 2016 ernst nimmt und Facebook tatsächlich besser auf Hass reagiert (vgl. http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Stellt-sich-Facebook-seiner-Verantwortung,hasskommentare118.html). Nur dasitzen und hoffen will ich nicht. Im Rahmen meiner beschränkten Möglichkeiten werde ich versuchen eine Änderung der Gemeinschaftsstandards zu erreichen. Momentan fällt mir nur ein, Facebook zu schreiben, eine Initiative mit ähnlichem Ziel zu finden und zu unterstützen (oder zu gründen), die (bereits lange bestehende) Kritik in den Wikipedia-Artikel „Kritik an Facebook“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_Facebook) einzubauen. In einem Monat (also am 7. April 2016) schaue ich mir die Gemeinschaftsstandards an (und wenn nötig und möglich, deren Umsetzung). Passen meine Haltung (auch sie kann sich ja noch ändern) und die Gemeinschaftsstandards (inkl. ihrer Anwendung) immer noch nicht zusammen, verlasse ich Facebook.

Weitere Überlegungen zu meinem Vorgehen und pro und contra

Muss ich mich dem Hass stellen / dagegen argumentieren? Natürlich ist der Hass noch da, wenn ich gehe, und eigentlich wünsche ich mir, dass die Menschen realisieren, dass man eine Meinung auch ohne Hass artikulieren kann (ja, ich habe Pegida-Teilnehmer und Brandstifter „Spacken“ genannt (http://nichperfekt.blogspot.de/2015/08/fremdenhass-wird-nicht-mehrheitsfahig.html), ich wünsche aber keinem von ihnen, dass ihnen Gewalt angetan wird oder gar den Tod. Ich verabscheue ihren Fremdenhass, aber nicht sie als Menschen. Rückblickend sehe ich, dass ich zu pauschalisierend war: die Xenophoben, mit denen ich wirklich, der griechischen Wortbedeutung entsprechend, die Menschen meine, die Angst vor Fremden haben – nicht die, die Fremden feindlich gegenüber stehen – können natürlich ihre Ängste formulieren und verlangen, dass man ihre Ängste ernst nimmt und versucht sie ihnen zu nehmen. Die Mehrheit, die Fremdenfeinde, können bei mir aber nicht auf Akzeptanz hoffen, da sich Fremdenhass nicht mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung, wie ich sie mir vorstelle, verträgt).

Ich sehe aber nicht, wie ich hasserfüllten Menschen den Hass ausreden könnte. Ich habe lediglich die Hoffnung, dass sie sehen, dass nur Argumente und nicht Hass, positive Veränderungen bringen können. Damit diese Einsicht entstehen kann, müsste man hasserfüllte Argumente ignorieren und warten bis das Argument nochmals ohne Hass vorgebracht wird. Wenn ein Kommentar aber nur Hass und kein einziges Argument enthält, ist eh alles verloren. Bei Kommentaren mit Hass und Argument fühle ich aber nicht berufen zu sagen „jetzt nochmal ohne Hass, bitte.“

Ein negativer Aspekt (analog zu dem früher Formulierten – damals bezüglich Kommentaren) des Verlassens ist die Gefahr, dass wenn Menschen Facebook als repräsentativen Schnitt ansehen, sie zur Meinung gelangen könnten, die Deutsche Bevölkerung hasse vermehrt Fremde. Ein guter Aspekt, wenn viele „nicht-Hasser“ Facebook verließen, wäre dass Werbekunden abspringen könnten und Facebook gezwungen wäre etwas gegen den Hass zu unternehmen. Den größten Negativpunkt stellt aber aus meiner Sicht meine Selbstbeschränkung in meiner Freiheit dar. Wenn ich Facebook verlasse, verzichte ich auf einfache Kommunikation mit meinen Freunden, die Möglichkeit unkompliziert regelmäßig zu erfahren, was sie bewegt, der Austausch in Gruppen von Menschen mit denen ich nicht befreundet bin und auch die Möglichkeit mich selbst mitzuteilen wären stark eingeschränkt. Wäre der Hass gezielt zu diesem Zwecke eingesetzt worden wäre das äußerst problematisch.

Abwägung und Entschluss

Wenn ich jetzt diesen Verzicht und Facebooks Umgang mit dem Hass abwiege – unter Berücksichtigung meiner moralischen Ansprüche – komme ich zum Schluss, dass ich den Verzicht für Erhaltung meines guten Gewissens auf mich nehmen muss.

Nachtrag 12.03.2016 9:25 Uhr: Eben habe ich FacebookDeutschland (https://www.facebook.com/FacebookDeutschland/) mit Folgender Nachricht kontaktiert:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Facebook sollte dringend seine Gemeinschaftsstandards in Bezug auf Hassbotschaften ändern. M.E. ist die aktuelle Definition einer Hassbotschaft einfach nicht korrekt. Sie sagen eine Hassbotschaften seien "Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen:" Dann folgen sieben Punkte die jeweils eine Gruppe von Menschen beschreibt. Und hier liegt m.E. der elementare Fehler: Hass ist Hass, nicht nur wenn er sich gegen die genannten Gruppen richtet! Folgende Formulierung sollte m.E. die Ausgangsversion sein: "Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen direkt angreifen." Wenn es Ihnen wichtig erscheint, klarzustellen, dass sachliche Kritik kein Angriff ist, könnten Sie dies als Klarstellung im Folgesatz schreiben oder von Inhalten, die Personen "entwürdigend angreifen", sprechen. Die Würde des Menschen ist der Deutschen Verfassung und mir elementar wichtig, weshalb ich auch überlege Facebook zu verlassen. Ich möchte nicht Mitglied in einem Netzwerk sein, das Ausnahmen bei der Wahrung der Menschenwürde kennt, und zudem durch meine Mitgliedschaft indirekt Verletzungen dieser Würde möglich machen / aufrecht erhalten. Detaillierter habe ich das unter http://nichperfekt.blogspot.de/2016/03/facebook-und-der-hass.html aufgeschrieben.

Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,
Matthias Speidel

Jochensteinstr. 13
90480 Nürnberg

matthias.speidel@gmail.com

Ich habe prompt folgende Standard-Mail zurück erhalten:
Hallo,

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, dein Feedback zu teilen. Wir arbeiten ständig an der Verbesserung von Facebook. Daher ist es uns wichtig, Feedback von unseren Nutzern zu erhalten. Leider können wir E-Mails nicht einzeln beantworten, wir beachten jedoch alle E-Mails. Wir möchten uns dafür bedanken, dass du dir die Zeit genommen hast, um uns zu schreiben.

Falls du Probleme mit deinem Konto haben solltest, besuche unseren Hilfebereich (http://www.facebook.com/help)). Hier findest du Informationen zu Facebook sowie Antworten auf viele deiner Fragen.

Nochmals Danke für dein Feedback.
Das Facebook-Team

Nachtrag 14.04.2016 8:40 Uhr: Da Facebook weder die Gemeinschaftsstandards noch die Löschpraxis entscheidend verändert hat, habe ich gestern Facebook verlassen.

Nachtrag 21.09.2017 23:15 Uhr: Ein positives Beispiel für sinnvolle Regeln sind die der Tagesschau. In den  Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es:
Auf unseren Plattformen haben Diskriminierung und Diffamierung von Personen und Gruppen keinen Platz, insbesondere nicht aufgrund ihrer Religion, Herkunft, Nationalität, körperlichen Verfassung, Einkommensverhältnissen, sexuellen Identität, ihres Alters oder ihres Geschlechts. Entsprechende Äußerungen sind nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.
Der entscheidende Unterschied zu Facebooks Comunity Standards ist, dass hier Religion, Herkunft, Nationalität usw. nicht das definierende Kriterium für Hate Speech sind, sondern ein verdeutlichendes.

Montag, 22. Februar 2016

Bitte Männer nicht ausklammern

Ich habe den Eindruck, dass sich manche Leute folgendes, eigentliche triviales, klarmachen sollten: Verwerfliches nicht nur verwerflich ist, wenn davon nur Kinder und Frauen betroffen sind, oder weniger verwerflich wenn es sich gegen Männer richtet! 

Aktuellstes Beispiel: Steffen Seibert: "Wie kaltherzig, wie feige muss man sein, um sich vor einem Bus mit Flüchtlingen aufzubauen und zu pöbeln und zu grölen, um den darin sitzenden Menschen – darunter zahlreiche Frauen und Kinder – Angst zu machen?" [https://twitter.com/RegSprecher/status/701731331236044801]. Oder etwas älter, der Facebook-Nutzer, der Beatrix von Storch fragte ob sie auch auf Frauen und Kinder schießen lassen würde. [http://www.welt.de/politik/deutschland/article151685758/Von-Storch-bejaht-Waffengebrauch-auch-gegenueber-Kindern.html]

Wenn man Männer bei solchen Sachen ausklammert, könnten manche Spinner auf die Idee kommen, dass ihr Hass, wenn sie ihn gegen Männer ausleben, legitim sei. Also hört bitte auf von "Kinder und Frauen" zu reden, wenn eure Aussage auch für Männer gilt. Vorschlag: sprecht von "Menschen". Und wenn wir grad dabei sind: auch Verbrecher sind Menschen! [http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-sachsen-tillich-nennt-provokateure-von-bautzen-und-clausnitz-verbrecher-1.2873135]