Dienstag, 24. April 2018

Wille aber Unfähigkeit bei der Bahn

Es gibt ja eine ganze Menge an Punkten für die die Deutsche Bahn kritisiert wird. Meine Kritik beschränkt sich allgemein (s. Ausnahme) auf die Informationsweitergabe. Meistens ist sie gut, häufig aber auch schlicht nicht vorhanden oder widersprüchlich. Die letzten beiden Fälle können natürlich sehr ungünstig sein als Reisender. So stand ich vor ein paar Wochen in München am S-Bahnsteig und wartete auf den Zug. Ich erkannte das schlechte Omen: die Anzeigetafeln zeigten nicht die Ankunftszeit des Zuges - sondern einen Text. Sinngemäß "Aufgrund einer Stellwerkstörung sind die Züge derzeit verspätet oder fallen aus. Bitte beachten Sie die Anzeigen und Durchsagen." Also wartete ich auf den Zug, eine Anzeige mit Informationen oder eine der angekündigten Ansagen. Das einzige davon, was nach 15 Miunten kam war der Zug. Da es Wochenende war, war es nicht so schlimm 15 Minuten lang keine Ansage zu haben. Wenn das allerdings vor einem beruflichen Termin unter der Woche passiert, ist es schon ärgerlich, wenn man weiß nicht, ob es sich lohnt auf ein anderes Verkehrsmittel umzusteigen oder nicht. Dabei sollte es ja im Jahr 2018 nicht so schwer sein, dass der Zugführer oder der Zug selbst seine aktuelle Position einem zentralen System mitteilt, das dann wiederum eine (automatisierte) Durchsage an den betroffenen Bahnsteigen veranlasst.

Bei meiner Recherche zu dem Thema bin ich auf das Projekt "Reisendeninformation der Zukunft" (s, dazu auch ein Artikel der WirtschaftsWoche zum ReisendenInformationsSystem) gestoßen, das zum Ziel hat, ab 2024 die Informationen widerspruchsfrei auf allen Kanälen auszuliefern. Aber warum war 15 Minuten lang keine der angekündigten Durchsagen zu hören? Was wäre denn der normale Takt gewesen? Auf meine Nachfrage bei der Pressestelle der Bahn erhielt ich folgende Antwort: 
"Die Information erfolgt über interne Medien an den zuständigen Mitarbeiter der Ansage. Dieser gibt die Daten in das Reisendeninformationssystem für München ein, dass die Anzeigen und Ansagen steuert. Sollten die Anzeigen und Ansagen Sie nicht in dem gewünschten Maße informiert haben, kann eine fehlende Information vorgelegen haben oder der Mitarbeiter hat diese nicht zuverlässig weitergegeben."
Des weiteren konnte ich in Erfahrung bringen, dass im Normalfall alle 3 Minuten eine Durchsage erfolgen sollte; wobei die Verspätungsansage 9 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt erfolgt. Abgesehen davon, dass man auch mit mehr als 9 Minuten Vorlauf informieren könnte, wenn die Verspätung bspw. schon 30 Minuten vorher bekannt ist, klingt das vernünftig. Hier sieht es also so aus, als wäre der Wille zur guten Kommunikation vorhanden, nur die technische Fähigkeit (noch) nicht.

Freitag, 5. Januar 2018

Prozentrechnung - Schulz liegt Faktor 10 daneben.

Verschiedene Seiten berichten, dass Martin Schulz im Zusammenhang mit dem Familiennachzug für Flüchtlinge von 70.000 Menschen gesprochen hat, was weniger als 0,01 Prozent der Bevölkerung seinen.[reuters, welt, tagesschau]
Kurz nachgerechnet: 70.000 / 80.000.000 = 7/8.000 = 0.000875 = 0.0875 % > 0.01 %
Schulz hat sich also um eine Nachkommastelle vertan und offenbar keines der Medien hat es bemerkt oder sich bemüßigt gesehen, den Rechenfehler klarzustellen.

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Der Flixbus und die Brücke

Am 04.12. ist ein, abgesehen vom Fahrer, leerer Flixbus mit einer Brücke kollidiert, die niedriger war (ca. 3,4m) als der Bus (ca. 4m). [http://www.sueddeutsche.de/panorama/berlin-bruecke-zu-niedrig-dach-von-flixbus-abgetrennt-1.3778559]

Irgendwas muss schief gegangen sein, sonst wäre das nicht passiert. Als regelmäßiger Flixbus-Kunde interessiert mich natürlich was schieflief, was der Stand der Technik ist und was in Zukunft zur Vermeidung solcher Unfälle unternommen wird.

Mit diesen Fragen habe ich mich an die Presse-Abteilung von Flixbus gewandt. Zur ersten Frage erhielt ich die Antwort, dass sich Flixbus nicht an Mutmaßungen beteiligt, was nachvollziehbar ist. Ich hoffe, dass Flixbus die Informationen dann transparent zu gegebener Zeit von sich aus veröffentlicht. Ob die Fahrer konkret vor jeder Fahrt gebrieft werden oder Unterlagen zu den Fahrzeugabmessungen sichten müssen weiß ich nicht, in der Antwort heißt es jedoch, dass in Schulungen und Weiterbildungen auch Informationen über die Abmessungen der eingesetzten Busse weitergegeben werden. Bei den unterschiedlichen Bustypen [https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:FlixBus_buses_(green_livery)] erscheint es möglich, dass hier menschliche Fehler passieren. Ein System zur Höhenmessung (ähnlich einem Abstandsmesser) gibt es laut Flixbus derzeit nicht. Ob Flixbus den Einbau solcher Systeme oder eine Schildererkennung plant, war aus der Antwort nicht eindeutig zu erkennen. Schlecht wäre es sicher nicht.


Montag, 15. Mai 2017

Hey, wir lassen eine Jury über die Preisträger abstimmen; zumindest solange es uns in den Kram passt.

Bevor es sich versendet, möchte ich noch über die Goldene Kamera 2017 schreiben.

Dort wurde ja bekanntlich Ryan Gosling in der Kategorie Bester Film International ausgezeichnet – nachdem Joko und Klaas dem Veranstalter vorgetäuscht hatten, Gosling würde zur Verleihung kommen sofern er einen Preis bekommt. So stellen es zumindest Joko und Klaas in dem Making of dar (Teil 1: http://www.prosieben.de/tv/circus-halligalli/videos/94-goslinggate-teil-1-fake-ryan-gosling-prank-goldene-kamera-2017-clip und Teil 2: http://www.prosieben.de/tv/circus-halligalli/videos/94-goslinggate-teil-2-fake-ryan-gosling-prank-goldene-kamera-2017-clip). Der Veranstalter bestätigte quasi die Auszeichnung aufgrund von „auf der Show sein“ gegenüber der Welt: „Deshalb entschied sich die Redaktion der Goldenen Kamera den Film ,La La Land’ auszuzeichnen und den Preis stellvertretend für das gesamte Film-Team Ryan Gosling zu übergeben.“

Was mich an dieser stutzig machte, war der Widerspruch zur Website der Goldenen Kamera, wo es heißt, eine Jury (und nicht die Redaktion) wähle Preisträger aus: „Wer sich am Ende in geheimer Wahl durchsetzen konnte, erfahren auch die Jurymitglieder erst am Samstag, 4. März 2017, im Rahmen der ZDF Live-Übertragung der Gala.“ (http://www.goldenekamera.de/preisverleihung/article208983463/Unsere-Jury-Auf-der-Suche-nach-den-Besten.html?ref=sec)

Ich habe die Goldene Kamera und verschiedene Jury-Mitglieder (über ihre Agenturen) angeschrieben, welche Rolle die Jury tatsächlich hat und wie die Wahl denn so ablaufe. Ich habe entweder keine Reaktion erhalten (z.B. von der Goldenen Kamera und den meisten Jury-Mitgliedern) oder Antworten, dass die Klienten momentan furchtbar beschäftigt seien (Wotan Wilke Möhring und Friedemann Fromm).

Für mich ergab das alles den Eindruck, dass der größere „Skandal“ an der Verleihung eine Feigenblatt-Jury ist.

Die kleine Null möchte beim Schwimmmeister abgeholt und in die Y-Achse aufgenommen werden!

Auf tagesschau.de gibt es eine Analyse zur Landtagswahl vom 14. Mai 2017. Darin findet sich auch eine Grafik, die den Rückgang der Zustimmung zur Aussage "Hannelore Kraft versteht, was die Menschen in Nordrhein-Westfalen bewegt" veranschaulichen soll:

Bild 1: von http://www.tagesschau.de/inland/nrw-wer-waehlte-was-warum-101~magnifier_pos-3.html
Ich habe mir die Zahlen angeschaut und den Eindruck gewonnen, der Verlust in der Zustimmung ist noch viel größer als bei tagesschau.de angeben:

Bild 2: X-Achse gestaucht.
Das ist natürlich Quatsch; ich habe die X-Achse gestaucht, um es extremer aussehen zu lassen. Ich unterstelle dem Autor Fabian Grabowsky von tagesschau.de hier keine bewusste Irreführung der Art wie ich es eben demonstriert habe. Eigne "Fälschung" ist es in keinem Fall (solange die Zahlen stimmen), denn richtige Zahlen, ungeschickt darstellen, macht die Zahlen noch nicht falsch). Allerdings ist es einfach unsauber, die Y-Achse nicht bei 0 beginnen zu lassen. Hätte er sich dieses "Tutorial" seiner tagesschau(/Faktenfinder)-Kollegin Verena Stöckigt zu Herzen genommen, sähe die Grafik in etwa so aus: 
Bild 3: y-Achse fängt bei 0 an. (die x-Achse ist für die Vergleibbarkeit mit Bild 2 weiterhin gestaucht.)

Aber ganz ehrlich: wenn man die Informationen im Text hat - wie im vorliegenden Fall - braucht man dann noch ein Liniendiagramm mit ganzen zwei Punkten?

Donnerstag, 19. Januar 2017

Wer Lesen kann, muss Fakten nicht im Konjunktiv schreiben


Ab und an, frage ich mich schon warum Journalisten (bzw. Nachrichtenagenturen) nicht selber ins Gesetz schauen? Heute habe ich bspw. in der Welt einen dpa-Bericht gelesen:
"Dem Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) droht einem Verfassungsrechtler zufolge im Falle einer Verurteilung wegen Bestechlichkeit eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren."
 Um das rauszufinden muss man keinen Verfassungsrechtler befragen. Es reicht vollkommen nach "Bestechlichkeit" zu googlen. Man muss nicht mal wissen (ob wohl man das sollte), dass die allermeisten Straftaten im Strafgesetzbuch zu finden sind. Google führt einen dann zielsicher auf diesen Link: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__332.html. Dort liest man dann "[...] Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren" also genau das, was einem der Verfassungsrechtler auch erzählt.

Nicht falsch verstehen, es macht durchaus Sinn, Experten zu einem Thema zu befragen. Allerdings kann man sich seines eigenen Verstandes bemächtigen und die offensichtlichen Fakten selbst nennen (vlg. dazu Journalisten-Regel Nr. 2345). Wie es besser geht zeigt die Marion Kerstholt auf tagesschau.de: "[...] will die Opposition [...] wissen, warum die Behörden nicht versuchten, Amri nach Paragraph 58a des Aufenthaltsgesetzes abzuschieben [...] Danach kann der jeweilige Innenminister die Abschiebung eines Ausländers zur Abwehr einer besonderen Gefahr für die Sicherheit des Landes oder einer terroristischen Gefahr beantragen."

Freitag, 14. Oktober 2016

Die befremdlichen Äußerungen des Alexander Krauß

Alexander Krauß hat zum Tod von Dschaber al-Bakr geschrieben: „Der syrische Terrorist Albakr ist tot. Im Gegensatz zu den Grünen ist das für mich kein Grund zur Trauer. Ich bin froh, dass er niemand anderen mit ins Verderben ziehen konnte.“ [http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jaber-al-bakr-suizid-in-sachsen-failed-freistaat-kommentar-a-1116399.html]

Diese drei Sätze befremden mich aus mehreren Gründen an:

  1. Krauß sagt nicht explizit, dass der Tod für ihn ein Grund zur Freude ist, aber durch die Kombination von „kein Grund zur Trauer“ (also neutral oder positiv) und „Ich bin froh, dass ...“ spricht aber für eine positive Haltung gegenüber dem Tod al-Bakrs. Ich denke aber, dass es „normal“ ist jeden Tod eines Menschen zumindest mit gemischten Gefühlen zu betrachten, wenn man etwas Menschlichkeit und Empathie in sich trägt. Selbst der Tod von Menschen, von denen eine tatsächliche Gefahr ausgeht, ist meines Erachtens nie nur positiv. Denn es sollte jeden nachdenklich machen, wenn ein Mensch in Notwehr oder Nothilfe getötet wird, weil er so „abseitig“ (damit meine ich im Blut- oder Drogenrausch, psychisch krank, fanatisiert etc.) war, und die von ihm ausgehende Gefahr nicht anders abgewendet werden konnte. Auch wenn ein Mensch aus freien Stücken und wohlüberlegt sein Leben beendet (ein Recht, das ich, sofern niemand anderes daran Schaden nimmt (egal ob körperlich oder seelisch), begrüße), hat dieser Mensch Mitgefühl verdient, da es ihm in dieser Welt offenbar (egal ob tatsächlich oder nur vermeintlich) so schlecht ging, dass er von ihr gehen wollte. Ich möchte aber nicht sagen, dass man um jeden Tod trauern muss. So wie man meiner Meinung nach, Menschen nicht für ihre Trauer verurteilen sollte, sollte man sie auch nicht für ihre nicht-Trauer verurteilen (s. Punkt 4). Aber reine Freude über einen Tod finde ich seltsam. Als Blick zurück zu Ähnlichem bietet sich hier natürlich die Äußerung von Angela Merkel zum Tod von Osama bin Laden an „Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“[http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-05/bin-laden-merkel-koalition-streit].
  2. Nur ein kleiner, sprachlicher Punkt: er spricht von „den“ Grünen, was einfach eine bescheuerte (wenn auch alltägliche) Verallgemeinerung ist. Mehr Zeit zu Differenzierung muss sein.
  3. Über traurige Politiker der Grünen habe ich nichts gefunden, nur Statements die die Tatsache, dass sich al-Bakr töten konnte kritisieren vgl. [hier] oder [hier]. Nur Al-Bakrs Anwalt äußerte explizit Trauer: „Al-Bakrs Pflichtverteidiger Alexander Hübner zeigte sich 'entsetzt und traurig'“[http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/politiker-al-bakr-selbstmord-reaktionen]. Den Grünen Trauer nachzusagen (wobei ich Trauer gar nicht schlimm fände (s. Punkt 1)) erweckt bei mir den Verdacht, dass Krauß hier ein Strohmann-Argument verwendet (Übertreibung der Kritik an der Tatsache, dass sich al-Bakr töten konnte, zur Trauer) um bei den Menschen, die in diesem Fall keine Trauer verspüren (so wie es bspw. [hier] oder [hier] in den Kommentare geäußert wird), oder sie für unangemessen halten (wie offenbar Krauß), die angeblich trauernden Grünen verächtlich zu machen.
  4. Abgesehen von der Frage, ob Grüne Politiker tatsächlich trauern oder nicht; geht Krauß zu diesen auf Distanz. In den Sätzen schwingt Unverständnis über Trauer mit und eine Art Empfehlung was man eigentlich empfinden sollte. Trauer muss man aber auch nicht verstehen. Ich beispielsweise verstehe nicht wie man in Tränen ausbrechen kann, wenn sich eine Musikgruppe auflöst, würde aber nie auf die Idee kommen einer deshalb traurigen Person zu sagen „das ist kein Grund zur Trauer, sondern zur Freude.“ Ich möchte aber die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Krauß die Trauer mancher Grünen akzeptiert, auch wenn er sie selbst nicht teilt und einfach nur seine Sicht auf den Tod al-Bakrs darstellen wollte; halte dieses Szenario aber für unwahrscheinlich (vgl. auch Punkt 3).
  5. Die Aussage, dass er einfach nur froh sei, dass niemand sonst zu Tode kam ist aus zwei Gründen daneben.
    1. Erstens, war al-Bakr ja schon in Untersuchungshaft, das Fremdgefährdungspotential war also äußerst gering (die Wahrscheinlichkeit, dass er ausgebrochen oder befreit worden wäre sehe ich als vernachlässigbar klein an. Die Chance andere Gefangene oder JVA-Angestellte zu gefährden war sicher da, aber -so hoffe ich- handhabbar).
    2. Zweitens sollte man meiner Meinung nach weder über den Tod eines Tatverdächtigen noch des eines Verurteilten froh sein mit dem Argument, er können nun die ihm zu Last gelegten Strafen nicht mehr begehen. Auch zu lebenslanger Haft rechtskräftig verurteilte Mörder können sich ändern und haben eine Chance verdient, im Leben nochmals in Freiheit zu sein (das hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt), weil, da sind wir wieder beim Thema, sie sich sonst gleich das Leben nehmen könnten, wenn sie das Gefängnisleben als nicht lebenswert ansehen. Auch haben Menschen, nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben und ihre Tat bereuen, meiner Meinung nach ein Recht darauf von der Gesellschaft aufgenommen und angenommen zu werden, denn sie haben ja Buße getan. Die Gesellschaft ist dann aufgefordert, diesem Menschen zu vergeben. Das sind eigentlich ziemlich althergebrachte Begriffe und eigentlich zentral im Christlichen Glauben, weshalb es mich regelmäßig verwundert, wenn ich so etwas von Mitgliedern einer Partei höre, die ein „Christlich“ im Namen haben. Geographisch passend, Stanislaw Tillich: „Das sind keine Menschen, die sowas tun. Das sind Verbrecher.“ [http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-sachsen-tillich-nennt-provokateure-von-bautzen-und-clausnitz-verbrecher-1.2873135]
  6. Dieser Gedanke „zum Glück kann er jetzt niemandem mehr schaden“ ist sehr nahe an der Todesstrafe, denn dort ist das ein zentrales Argument dafür (neben der vermeintlichen Abschreckung und der unmenschlichen und auch tatsächlich falschen Behauptung, es würde Kosten sparen https://www.welt.de/print-wams/article608077/Die-Hinrichtung-kostet-mehr-als-eine-lebenslange-Haft.html). Und die ist bekanntlich abgeschafft. Wäre also Krauß auch froh gewesen, wenn ein JVA-Angestellter al-Bakr getötet hätte? Das Ergebnis (also die Tatsache, dass al-Bakr nun tot ist) wäre ja das selbe gewesen, nur das Zustandekommen nicht und Krauß bezieht sich ja nur auf den Tod und nicht auf das Zustandekommen des Todes (dass es al-Bakr trotz Kontrollen geschafft hat Selbstmord zu begehen). Und damit sind wir beim letzten Punkt.
  7. Ein wieder kleinerer Punkt: Das Zustandekommen des Todes wird von Krauß nicht wirklich thematisiert. Man darf aber m.e. ruhig Diskussionen zu Bereichen führen, ohne die anderen Bereiche umfassend zu thematisieren. Allerdings ist es hier schon bemerkenswert, dass ein Menschen in staatlicher Obhut umgekommen ist. Ich möchte nicht sagen, dass hier Fehler gemacht wurden (das kann ich einfach nicht einschätzen), denn grundsätzlich finde ich es richtig, dass (Untersuchungs-)Häftlinge nicht rund um die Uhr beobachtet werden, sondern auch ein gewisses Maß an Privatsphäre (die eh schon viel zu klein ist) haben. Wie oben erwähnt befürworte ich auch das Recht auf eine wohlüberlegte Selbsttötung aus freien Stücken. Deshalb sollte es meiner Meinung nach auch Gefangenen möglich sein, sich das Leben zu nehmen. Natürlich kann der Staat, Stand heute, das nicht einfach geschehen lassen, und deshalb ist es in diesem Fall eben zu erörtern, wie das passieren konnte. Unter http://www.tagesschau.de/inland/gefaengnis-suizid-101.html oder http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/leipzig-jaber-al-bakr-tod-suizid-jva/seite-2 wird das Thema Suizid in (Untersuchungs-)Haft behandelt. Für die Zukunft kann man überlegen, ob der Staat, wenn ein Selbsttötungswilliger seinen Tod wohlüberlegt und aus freien Stücken will, und der Staat von beiden Voraussetzungen überzeugt ist, ihn dabei unterstützen kann (nicht muss! Ich bin dagegen, dass jemand dazu gezwungen werden kann, jemand anderen zu töten! Noch unklar bin ich mir, wie weit andere den Willen zur Selbsttötung akzeptieren müssen in dem Sinne, dass sie nicht einschreiten dürfen.)

Zusammengefasst, stört mich an Krauß' Äußerung die ein positive Sichtweise auf den Tod (1), die Pauschalisierung auf die Grünen (2), dass er womöglich mit einem Strohmann-Argument die, von Grünen Politikern, geäußerte Kritik entwerten will (3), eine mögliche Entwertung von Trauer in diesem Fall (4), der implizite Unsinn, dass von einem Untersuchungshäftling Gefahr ausginge (5.1) und der Mangel zu sehen, dass auch verurteilte Menschen eine zweite Chance verdient haben (5.2), die Nähe der Äußerung zur Todesstrafe (6) und das nicht-Thematisieren eines diskussionswürdigen Vorgangs (7).


Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.