Dienstag, 25. Dezember 2012

Translation Style

MTV.de verkündigt heute am 25.12.2012:

Auch im Text heißt es: "[...] nun ist [das Video zu 'Gangnam Style'] der erste Clip, der unglaubliche eine Billionen mal von den Usern der Internetplattform angesehen wurde." Für alle die sich fragen, ob sich die Anzahl der Klicks seit dem 22.12.2012 um 90900% erhöht haben: nein. Erklärung: siehe hier.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Gewaltentrennung


Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes sagt "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt."

Das schließt meinem Verständnis nach leider nicht aus, dass die Staatsgewalt von einem einzelnen  "Masterchief" ausgeübt wird, auf den Legislative, Exekutive und Judikative vereint sind. Persönlich würde ich mir eine möglichst weitgehende Trennung und gegenseitige Kontrolle der Gewalten wünschen, da sie Machtmissbrauch einschränken und Verbesserungen begünstigen kann. Bezogen auf die Richter des Bundesverfassungsricht schließt Artikel 94 des Grundgesetzes aus, dass sie weder Bundestag, Bundesrat oder den Entsprechungen in den Ländern angehören dürfen. Für diese Trennung spricht einiges (bspw. den oben erwähnten Masterchief, der eigene Gesetze erlassen könnte deren Verfassungsmäßigkeit er selbst "prüfen" würde - die Prüfung wäre eine Farce). 
Die Regierung und Gesetzgebung hingegen sind in Deutschland durchaus verschränkt - funktionell wie auch personell: Mit Außnahme Röslers sind alle Mitglieder der Regierung auch Mitglieder des Bundestages. Eine besondere Rolle unter den regierenden "Gesetzesmitverabschiedern" nimmt Hans-Peter Friedrich ein. Er ist zusätzlich zu seinem Ministeramt und Bundestagsmandat Mitglied des Wahlausschusses, der die Hälfte der Richter des Bundesverfassungsgerichts wählt. Ich habe Herrn Friedrich deshalb am 2. September 2012 gefragt:

"Sehr geehrter Herr Friedrich,

wie bewerten Sie mit Hinblick auf die Idee der Gewaltenteilung die Tatsache, dass sie als Bundesminister des Innern direkten Einfluss auf die Exekutive, als Mitglied des Deutschen Bundestages direkten Einfluss auf die Legeslative und als Mitglieder des Wahlausschusses im Bundestag direkten Einfluss auf die Wahl der Richter der Bundesverfassungsgerichts und damit indirekt auf die Judikative haben?"

Vom Bürgerservice erhielt ich daraufhin am 3. September 2012 im Auftrag folgende Antwort, die ich vollständig aber abschnittsweise darstellen und kommentieren werde:

"Sehr geehrter Herr Speidel,

für Ihre Anfrage vom 02. September 2012 danke ich Ihnen.

Zu Ihrer Frage erlaube ich mir folgende Ausführungen.

Der Gewaltenteilungsgrundsatz wird heute zu den maßgeblichen Prinzipien der verfassungsmäßigen Ordnung des Grundgesetzes gerechnet. Nach Artikel 20 Abs. 2 des Grundgesetzes wird die vom Volke ausgehende Staatsgewalt durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. Inhalt und Tragweite des Prinzips werden erblickt in einer Unterscheidung der Funktionen der Rechtsetzung, der Vollziehung und der Rechtsprechung, in der Zuweisung dieser Funktionen an besondere Gewalten, in dem Verbot, Funktionen wahrzunehmen, die einer anderen Gewalt zugewiesen sind (Gewaltentrennung) und in der gegenseitigen Kontrolle und Hemmung der Gewalten (Gewaltenbalancierung)."


Der Bürgerservice sieht also durch die Zuweisung der Gewalten zu besonderen Organgen implizit die Trennung der Gewalten. Das ist ersteinmal erfreulich. Die Bundesregierung kann Gesetze in den Bundestag einbrigen und die Mitglieder der Regierung im Bundestag können sie auch verabschieden. Dass nur wenige Abgeordnete (bspw. die obigen 15 Kabinetts Mitglieder) ausreichen um ein Gesetz auf den Weg zu bringen ist bekannt und wird auch später nochmals thematisiert.

Dass die Regierung Einfluss auf die Gesetzgebung nimmt ist eigentlich klar. Der Bundeskanzler als Chef der Regierung ist in der Regel auch Chef der Partei die im Bundestag die meisten Mitglieder hat. Wenn der Kanzler meint "wir brauchen ein Gesetz, dass XY ermöglicht" und der Bundestag beschließt das Gegenteil, wäre das ein Grund für die Vertrauensfrage und die Ablösung als Parteichef. Auch wenn es offiziell keinen Fraktionszwang gibt, wird die "regierende Fraktion" (genauer: die Mitglieder der Parteien die die Mehrheit im Bundestag haben und den Kanzler gewählt haben) das machen, was die Regierung möchte - und wie mit "Abweichlern" umgegangen wird kann man am Beispiel Wolfgang Bosbach und anderen studieren. 

Es gibt auch seltene Ausnahmen wie das "Meldegesetz" (dazu später mehr) bei dem sich die Regierung (per Regierungssprecher) vom Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten ihrer Parteien distanziert. Das ist aber die Ausnahme und auch nicht gerade unpeinlich für die Regierung. Dass die Regierung nicht die Funktion der Gesetzgebung wahrnimmt / warnehmen könnte sehe ich also nicht.

Zum letzten Punkt, der "gegenseitigne Kontrolle und Hemmung der Gewalten". Wenn das erfüllt sein soll, bräuchte es tatsächlich eine personelle Trennung in den Gewalten nicht nur bei den Verfassungsrichtern sondern auch zwischen Regierung und Bundestag. Kein Mitglied der Regierung wird wohl im Bundestag gegen ein Gesetzentwurf stimmen den die Regierung eingebracht hat (eine Suche auf abgeordnetenwatch.de könnte einen solchen Fall zu Tage bringen). Natürlich kann es vorkommen (so geschehen auch wieder beim Meldegesetz), dass ein Teil der Regierung (Innenminister Friedrich) Sympathien für ein Gesetz hegt, das mit den Stimmen der regierenden Parteien im Bundestag verabschiedet wurde, sich die Regierung über ihren Sprecher aber davon distanziert und wünscht, dass es in der umstrittenen Fassung nicht den Bundesrat passiert. Dieser Einzelfall mag zeigen, dass die Regierungsmitglieder auch ein Stück weit unabhängig in ihrer Meinung über Gesetze sind, es bleibt aber (meines Wissens) eine seltene Ausnahme.

Achtung, der folgende Abschnitt greift auf Springer-Quellen zurück. Friedrichs Aussage "'Wissen Sie, in Berlin ist es so, dass das Parlament die Regierung kontrolliert und nicht umgekehrt'" ist (abgesehen von einem privaten Blog) nur auf Seiten von Zeitungen zu finden, die zum Axel-Springer-Verlag gehören (das mag am Verhältnis zum Verlag liegen). Sofern sie also stimmt, würde das der "gegenseitigen Kontrolle" widersprechen, und eine einseitige Kontrolle beschreiben.

"Der Bundesminister des Innern ist nach Artikel 65 des Grundgesetzes Mitglied der Bundesregierung und er leitet seinen Geschäftsbereich selbständig. Selbstverständlich hat er als Mitglied der Bundesregierung ,Einfluss auf die Exekutive'. Es wird von ihm auch erwartet, dass er die Vorgaben, die im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und der FDP stehen, für seinen Geschäftsbereich durchführt und zum Beispiel zum Bundesmeldegesetz oder zum E-government Gesetz einen entsprechenden Referentenentwurf dem Bundeskabinett vorlegt."

Wie oben erwähnt war er dabei so selbständig, dass er gut fand (und womöglich entwerfen lies), was der Rest der Regierung und viele andere weniger gut und man größtenteils froh war, dass es im Bundesrat durchgefallen ist.

"Selbstverständlich wird von ihm als Mitglied des Deutschen Bundestages erwartet, dass er als einer der 622 Mitglieder im Deutschen Bundestag über die im Deutschen Bundestag verhandelten Gesetzentwürfe abstimmt. Als einer von 622 Abgeordneten hat er insofern aber keinen entscheidenden Einfluss auf die Abstimmung. Er ist nach Artikel 38 Abs. 1 Satz 2 GG aber an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur seinem Gewissen unterworfen. Im Übrigen werden Gesetzentwürfe doch nicht nur von der Bundesregierung sondern auch vom Bundesrat und den im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien in den Deutschen Bundestag eingebracht. Einen ,Einfluss auf die Legislative' hat er insofern nicht, weil nach der ersten Lesung im Deutschen Bundestag auf Empfehlung des Ältestenrates ein oder mehrere Ausschüsse bestimmt werden, die sich mit dem Gesetzentwurf fachlich auseinandersetzen und ihn für die zweite Lesung vorbereiten. Gerade in diesen Fachausschüssen, die mit den Abgeordneten aller Parteien besetzt sind, werden Gesetzentwürfe häufig mehr oder weniger stark überarbeitet. Im Übrigen wirken die Bundesländer durch den Bundesrat bei jedem Gesetz mit. Stimmt der Bundesrat dem Gesetz nicht zu, so kann er den Vermittlungsausschuss anrufen. Bei Zustimmungsgesetzen ist die Zustimmung des Bundesrates zwingend erforderlich.. Ich erinnere aktuell an das Bundesmeldegesetz, wo keinesfalls sicher ist, dass der Bundesrat zustimmen wird. Auf das Abstimmungsverhalten im Bundesrat hat der Bundesinnenminister insoweit keinen Einfluss"


Das Argument das Friedrich "nur" einer von 622 Mitglieder ist, greift weniger, wenn im Plenarsaal nicht 622 sondern ca. 30 Abgeordnete sitzen. Allgemein will ich dieses Argument so auch nicht gelten lassen, da ja bei einer Bundestagswahl die Stimme eines Wahlberechtigten auch "nur" eine von ca. 62,2 Millionen ist.

Das mit den Fachausschüssen ist auch so eine Sache. Beim Meldegesetz haben wenige Personen der regierenden Parteien (siehe hier Seite 2 unter B.) dafür gesorgt, dass das Gesetz an entscheidender Stelle verändert wurde. Ein Ausschuss der die selben Mehrheitsverhältnisse besitzt wie der Bundestag ist also für eine kritische Kontrolle ungeeignet.

Dass der Innenminister Einfluss auf das Abstimmungsverhalten im Bundesrat hat wurde von mir nie behauptet. Der Einfluss auf das Abstimmungsergebnis im Bundestag hat er aber auf jeden Fall.

"Der Einfluss des Bundestages und des Bundesrates auf das Bundesverfassungsgericht beschränkt sich auf die Wahl der Richter. Diese werden nach Artikel 94 Abs. 1 Satz 2 GG je zur Hälfte vom Bundestag und vom Bundesrat gewählt. Während die Wahl durch den Bundesrat eine unmittelbare ist, werden die vom Bundestag zu berufenden Richter in mittelbarer Wahl durch einen vom Bundestag nach den Regel der Verhältniswahl gewählten Wahlmännerausschuss gewählt, der aus zwölf Mitgliedern des Bundestages besteht. Der Bundestag wählt nach den Regeln der Verhältniswahl einen Wahlausschuß für die Richter des Bundesverfassungsgerichts, der aus zwölf Mitgliedern des Bundestages besteht. Jede Fraktion kann einen Vorschlag einbringen. Aus den Summen der für jeden Vorschlag abgegebenen Stimmen wird nach dem Höchstzahlverfahren (d'Hondt) die Zahl der auf jeden Vorschlag gewählten Mitglieder errechnet. Gewählt sind die Mitglieder in der Reihenfolge, in der ihr Name auf dem Vorschlag erscheint. Der Bundesinnenminister hat insofern gar keinen Einfluss darauf, wer in diesen Wahlmännerausschuss gewählt wird. Insofern liegt auch keine ,Einflussnahme auf die Judikative' vor."

Die Wahl in den Wahlausschuss ist war nicht die Frage, die Frage bezog sich auf die Wahl innerhalb des Wahlausschusses. Dort hat Friedrich als einer von zwölf Personen Einfluss auf die Wahl der Bundesverfassungsrichter. Dass ausschließlich diese zwölf Personen für die (geheime) Wahl verantwortlich sind hat das Bundesverfassungsgericht als verfassungsgemäß bezeichnet (der Zweite Senat hat also festgestellt, dass er selbst rechtmäßig ist - unter Mitwirkung der betroffenen Hälfte der Richter), aber unumstritten ist es nicht.

"Das Bundesverfassungsgericht ist ein selbständiger und unabhängiger Gerichtshof des Bundes (§ 1 BVerfGG) ist. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet in geheimer Beratung nach seiner freien, aus dem Inhalt der Verhandlung und dem Ergebnis der Beweisaufnahme geschöpften Überzeugung.  Ein ,Einfluss' auf die Judikative, der beim Bundesverfassungsgericht über die Wahl der Richter hinausgeht, liegt nicht vor."

Das widerspricht nicht meiner Auffassung, dass Friedrich einen indirekten Einfluss auf die Rechtsprechung hat - zumal ja auch in Friedrichs Wahlausschuss-Zeit Thüringens ehemaliger Innenminister Peter Huber (nach Wikipedia Angaben ein CSU-Parteikollege) vom Wahlausschuss zum Verfassungsrichter gewählt wurde.

Resümee:
Die Gewaltentrennung wurde vom Bürgerservice als gefordert gesehen. Die Einlussnahme auf die Gesetzgebung wurde damit abgesprochen, dass kein Einfluss im Bundesrat bestehe (was nicht die Frage war), die indirekte Einflussnahme auf die Rechtsprechung wurde damit abgesprochen, dass kein Einfluss auf die Wahl des Wahlausschusses bestehe (was ebenfalls nicht die Frage war). Die Unabhängigkeit von Regierung, Bundestag und Bundesrat wurde an dem einmaligen und in vielerlei Hinsicht kritisiertem "Meldegestz" festgemacht. Das ist richtig aber einmalig. Einmalig (aber möglich) wäre auch, dass die Regierung ein Gesetzt in den Bundestag einbringt und verabschiedet, und die Hälfte der Bundesverfassungsrichter ernennt.

Auch wenn mir klar ist, dass all die Umstände die hier kritisiert werden, legal und verfassungsgemäß sind, finde ich nicht alle optimal bzw. im Ansatz bedenklich. Der große, weitentfernte Vorschlag ist eine personelle Trennung von Regierungs- und Bundestagsmigliedern

Sonntag, 2. September 2012

Ein Bericht der sich selbst widerspricht

In einem Bericht der Tagesthemen mit dem Titel "Die ideale Brutstätte für Extremismus" wird versucht den Sinai als die bezeichnete "Brutstätte für Extremismus" darzustellen. Die Argumente dafür sind meiner Meinung nach mehr als dünn. 

  • ab 02:12 (in der Rückwärtszählung d.h. Zeit bis zum Ende des Videos) heißt es "Folge der schlechten Behandlung der Sinai ist eine Hochburg von Islamisten." Das ist die Behauptung; jetzt folgen diverse diffuse Begründungen. 

  • Die erste: 02:08 "Bei den Parlamentswahlen wählte jeder Vierte im Nord-Sinai die Salafisten." Es ist schwierig an verlässliche Zahlen zu den Parlamentswahlen zu kommen. Das Wahlsystem ist kompliziert und das Ergebnis wurde für ungültig erklärt. Es ist selbstverständlich jedem selbst überlassen welchen Zahlen und welcher hier genannten Quelle er glaubt. Kann man von einer "Hochburg" sprechen, wenn im Nord-Sinai 26,63% die salafistische Partei des Lichts wählt, in der Region Marsa Matruh 67,79% und im gesamten Land der (von der Partei des Lichts geführte) Islamische Block 27,8% der Stimmen erhält? Ich meine Nein. Vielleicht kommt aber noch eine Begründung warum der Sinai eine Hochburg von Islamisten sei.

  • 02:03 "Nicht jeder Beduine ist ein Extremist, aber unter den Beduinen haben die Radikalen viele Sympathisanten." Das macht weder die Beduinen noch die sympathisierenden Beduinen zu Extremisten.

  • 01:44 "8. August. Islamisten überfallen einen Grenzposten und ermorden 16 ägyptische Soldaten. Umgehend beginnt die Vergeltung der ägyptischen Armee an den Extremisten. Ob auch Beduinen darunter sind ist Unklar." Da muss eigentlich nicht viel kommentiert werden. Nach wie vor kein gutes Argument dafür, dass Beduinen Extremisten sind.

  • 01:24 "Hier am Tatort wo die Grenzer ermordet wurden finden wir einen Augenzeugen, der nicht nur den Angriff beobachtet hat, sondern auch die Extremisten." 01:12 Der Augenzeug: "[Die Extremisten] stammten nicht von hier, sie waren größer als die Leute vom Sinai und sie sprachen in einem fremden Dialekt". Das ist sogar ein gutes Argument gegen extremistische Beduinen.

  • 01:03 "sechzehnhundert islamistische Fanatiker sollen angeblich auf dem Sinai leben." Abgesehen von dem "angeblich": macht das die Bevölkerung zu solchen? Die Frage ist, ob die islamistischen Fanatiker überhaupt zur Bevölkerung gehören oder nicht. Denn nur dann können auch Beduinen unter den Fanatikern ihnen sein – müssen aber nicht, da die Beduinen in etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Wenn die Islamisten (von wo auch immer) auf den Sinai kommen (und danach sieht es aus, wie der Augenzeuge bei 01:12 angibt), ist das etwas ganz anderes als wenn sich die Bevölkerung radikalisiert (wie es der Titel versucht zu behaupten). Der Bericht geht darauf nicht näher ein.

  • 00:52 "Ein Hinweis auf terroristische Aktivitäten. Ein beduinischer Anwohner zeigt uns die Überreste einer Hütte, die die Armee vor zwei Wochen zerstört hat. Die Bewohner: Bombenbauer" Die Einzige Verbindung zwischen den "Bobenbauern" und diesem einen Beduinen ist, dass der Beduine zeigt, wo die Bobenbauer gewohnt haben – auch das macht diesen oder gar alle Beduinen nicht zu Bobenbauern.

  • 00:08 "Kein Wasser, keine Arbeit, keine Hoffnung. Der Nord-Sinai in Ägypten: Eine ideale Brutstätte für Extremismus." Das war das Schlusswort. Ein "Beweis", Tatsachen oder ein gutes Argument dafür, dass aus der Bevölkerung durch die Vernachlässigung Extremisten werden, fehlt. Stattdessen liefert der Bericht eher sogar Hinweise darauf, dass die Extremisten nicht aus dem Sinai stammen und widerspricht sich damit selbst.

Nachtrag 04.12.2012: am 14.09.2012 habe ich folgende Antwort-Mail der Tagesthemen-Redaktion erhalten:

"Sehr geehrter Herr SPeidel[sic!],

vielen Dank für Ihre detaillierten Anmerkungen zum Beitrag von Thomas Aders.
Als Redakteur der Sendung habe ich mir das Stück noch einmal angesehen und bin in einem
zentralen Punkt anderer Meinung als Sie. Sie suchen nach einer stichhaltigen Argumentation in dem
Beitrag, dass unter den Beduinen im Sinai zahlreiche Extremisten seien.
Mein Kernsatz dieses Beitrages lautet dagegen: Die Vernachlässigung der Region durch den Staat führt dazu, dass viele Beduinen mit den Extremisten,
die hier kürzlich Anschläge verübt haben, sympathisieren. das sagt der Autor auch ausdrücklich. Deshalb finde ich die Aussage, dass die beobachteten Attentäter einen anderen Körperbau als
die Einheimischen haben, auch schlüssig. Der Beitrag kann über die Identität der Radikalen selbst  nur Vermutungen anstellen; was er sagen will, ist dass im Sinai ein politisches Klima herrscht, dass
Raum für Anschläge, eventuell sogar für Unterstützung derselben schafft.
Ich will aber der Meinung des Autors gar nicht vorgreifen, sondern wollte Ihnen nur meine Wahrnehmung schildern.
Ich leite Ihre Anmerkung deshalb gerne an Thomas Aders weiter, der Ihnen sicher antworten wird.


Mit freundlichen Grüßen,
Christian Gräff


Christian Gräff
ARD-aktuell
Redaktion Tagesthemen"

und am 15.09.2012 vom Autor:

"Lieber Herr Speidel,
herzlichen Dank fuer ihre Kritik

Sie haetten mit allen ihren aussagen vollkommen recht, wenn ich
tatsaechlich behauptet haette, dass die beduinen auf dem sinai selbst zu
den gewaltbereiten extremisten gehoeren. Aber genau das habe ich nirgendwo
im beitrag getan.

Was ich versucht habe darzustellen, war das klima der frustration bei den
beduinen, resultierend aus der jahrzehntelangen, schlechten behandlung
durch die regierung.

Die islamistischen extremisten haben ihre eigene agenda: die zerstoerung
israels und der bewaffnete kampf gegen Ägypten, das seinen (bruechigen)
Frieden mit israel gemacht hat, die grenzen sichert (und damit zugleich zum
Einsperren der Palaestinenser im gazastreifen beitraegt), und sogar Erdgas
nach israel liefert.

Wuerden die beduinen besser von kairo behandelt werden, waeren sie
vermutlich auf seiten der regierung, und wuerden ihre erkenntnisse ueber
die terroristen (die sie zweifellos haben) mitteilen. Doch das tun sie
derzeit noch nicht, weil sie sauer sind

Diese zusammenhaenge in der kurzen dauer der tagesthemen zu erklaeren, ist
sehr schwierig, und manchmal nicht befriedigend, das gebe ich zu.

Beste Gruesse aus Damaskus,

Ihr

Dr. Thomas Aders
Correspondent Middle East
ARD German TV
1125, Maspiro
Cairo, Egypt"

Füd diese E-Mails bin ich dankbar, denn sie sind hilfreich, da sie Aussage des Beitrages näher erklären. Unstrittig dürfte sein, dass die Beduinen frustriert (weil schlecht behandelt), und die Extremisten weitgehend keine Beduinen vom Sinai sind.

Einen konkreten Hinweis dafür, dass diese schlechte Behandlung (oder die Frustration) kausal für den Islamismus verantwortlich ist ("Folge der schlechten Behandlung der Sinai ist eine Hochburg von Islamisten.") fehlt dem Bericht. Die einzigen nicht zu widerlegende (weil kaum wiederlegbaren) Aussagen die einen konkreten Zusammenhang (nicht Kausalität) zwischen den frustrierten Beduinen und den Extremisten herstellt, ist "Nicht jeder Beduine ist ein Extremist, aber unter den Beduinen haben die Radikalen viele Sympathisanten. Gemeinsamer Gegner: die Regierung." Davon lasse ich mich noch nicht überzeugen. Hinweise darauf, dass Beduinen bswp. Grenzposten überfallen, Bomben bauen oder überproportional häufig eine radikale Partei wählen, fehlen bzw. es wird das Gegenteil festgestellt.
Dass es abgesehen von der aktiven Beteiligung der Beduinen auch eine Unterstützung der Islamisten (durch Geld, Waffen, Versorgung, Wissen, Gewährenlassen etc.) bzw. das Unterlassen der Kooperation mit der Regierung gibt oder geben kann, möchte ich gar nicht abstreiten, nur ist das im Bericht nicht enthalten - es bleibt die persönlich Mutmaßung des Zuschauers.

Ich würde es also begrüßen, wenn Herr Aders mehr Sendezeit in den Tagesthemen bekommt. Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache: Bei der Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga hätte man sicher eine Minute einsparen können. Wie lange die Fußball-Berichterstattung war, muss man erst noch ausrechnen - Online wird sie nämlich herausgeschnitten (was ihren Wert noch fragwürdiger macht). In der Mediathek wird die Dauer der gesamten Sendung mit gut 23 Minuten angegeben. Das gekürzte YouTube-Video ist knapp 17 Minuten lang. Nach Adam Riese wurden also gut 6 Minuten Fußball-Berichterstattung herausgeschnitten.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Prüfung vor und nach der Bereitstellung

Medien beschäftigen sich vor der Bereitstellung von "Bilder und Videos aus sozialen Netzwerken" mit Fragen wie "Zeigt das Video wirklich das, was in der Beschreibung steht?" Ich beschäftige mich häufig nach der Bereitstellung von Bildern mit der Frage "Zeigt das Bild wirklich das, was in der Beschreibung steht?" In diesem Fall ist die Antwort "vermutlich nicht". Wie man schnell nachzählen kann sind neben den zwei genannten Läufern nicht drei sondern vier Läufer zu sehen. Jetzt kann es natürlich sein, dass einer von ihnen nicht an der Olympiade teilnimmt, nicht aus Kenia stammt oder gar nicht trainiert.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Wieder ein Klassiker

Wie Bildblog schon mehrfach erwähnte, ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) kein "EU-Gericht" oder ähnliches. Die Botschaft ist beim Kölner Stadt-Anzeiger aber offenbar noch nicht angekommen, er titelt fröhlich "Der EU-Menschenrechtgerichtshof ..." zu einer Entscheidung des EGMR.

Freitag, 13. Juli 2012

(statistische) Zahlen in der Presse

Eine kleine Geschichte, die man schon häufiger hätte erzählen müssen (siehe z.B. hier):
Die Geschichte spielt in einer Siedlung mit zwei Häusern. Im ersten Haus wohnt eine Person und führt damit einen "Single-Haushalt". Im anderen Haus lebt eine Wohngemeinschaft bestehend aus vier Personen und führt einen, nennen wir es "Vierpersonen-Haushalt". Im Dorf sind also 50% der Haushalte Single-Haushalte, aber nur 20% der Dorfbewohner leben in einem Single-Haushalt.


PS: Über den Prozentwert an "Singles" (im Sinne von "ohne feste Bindung an einen Partner oder eine Partnerin [lebend]") in unserer Siedlung wissen wir übrigens nichts, weshalb der Begriff "Einpersonenhaushalt", den das Statistische Bundesamt verwendet, zwar nicht ganz so cool, aber treffender ist. Das hat übrigens ein anderer Spiegel-Artikel vom selben Tag auch (fast) festgestellt: "Single zu sein bedeutet nicht unweigerlich, einsam zu sein. Haushaltsgrößen sind kein Merkmal, mit dem man zwangsläufig Lebensqualitäten beschreiben kann." Der erste Satz beschreibt aber wiederum nur die Singles der Einpersonenhaushalte, nicht aber die nicht-Singles welche in Einpersonenhaushalten leben.

PPS: da wir gerade schon bei Zahlen sind: der aktuelle Umrechnungskurs von US-Dollar in Euro ist (nicht!) ungefähr 1:815217 ("9,2 US-Dollar (rund 7,5 Millionen Euro)").

Nachtrag 25.07.2012: jetzt ist von 9,2 Millionen US-Dollar die Rede.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Menschen ersetzen Maschinen

Aus der Kategorie offensichtlich falsche Bildunterschrift heute: "Mickey und Minnie Mouse winken den Besuchern von Fahrradrikschas aus zu." - zumindest wenn man von der gängigen Vorstellung ausgeht was Fahrradrikschas sind.
Nachtrag 25.07.2012: jetzt ist nur noch von "Rikschas" die Rede.