Mittwoch, 4. Dezember 2013

Unfähigkeit oder Unwille bei der Bahn

Vielleicht nerve ich die Deutsche Bahn mittlerweile. Ganz sicher aber nervt sie mich. Warum? Wegen ihrer unklaren Regelungen oder im schlimmsten Fall widersprüchliche Angaben. Da bei der Bahn gefühlt niemand weiß was eigentlich jetzt richtig und was falsch ist, reagieren die Mitarbeiter mit denen ich in Kontakt trat nach meinem Empfinden nichtwissend, verschlossen oder verstimmt.
Die erste unklare Regelung betrifft die Frage, ob bei Fahrtantritt feststehen muss, wer mit dem Ticket mitfahren wird. Die Frage ist insofern von Bedeutung als dass wenn zum jetzigen Zeitpunkt keine solche Pflicht besteht und daher die "unflexible Namenseintragung", wenn sie Mitte Dezember eingeführt werden sollte, eine unnötige Verschlechterung der Rechte der Reisenden bedeuten würde. Was sagt also die Bahn dazu? Auf dieser Seite A steht nur (Hervorhebungen von mir):
"Können meine Mitfahrer auch noch nachträglich zusteigen?
Mit dem Bayern-Ticket ist es ab 10. Juni 2012 möglich, dass Ihre Mitfahrer an verschiedenen Bahnhöfen auf der Strecke zusteigen. Die Anzahl der Mitfahrer muss allerdings beim Ticketkauf bereits feststehen."
 Diese Seite B geht noch weiter und sagt (Hervorhebungen von mir):
"Können meine Mitfahrer auch an späteren Stationen meiner Fahrt dazu steigen?
Ja. Das Bayern-Ticket kann als günstiges Gruppenticket genutzt werden und ihre Mitfahrer können auch unterwegs dazu steigen. Wer und wie viele Personen mit Ihnen reisen, wird jedoch bereits beim Kauf der Fahrkarte festgelegt – der Austausch Ihrer Reisebegleiter ist daher nachträglich nicht zulässig!"
Das ist ansich noch nicht widersprüchlich; es könnte ja sein, dass Seite A einfach eine Information nicht nennt auch wenn sie richtig wäre. Ich habe deshalb die Bahn u.A. gefragt "Gibt es eine rechtliche Verpflichtung, bereits beim Kauf des Tickets zu wissen, wer mitreist?" und per E-Mail die Auskunft erhalten: 
"Eine rechtliche Verpflichtung, dass die Namen der Reisenden beim Kauf feststehen müssen, besteht nicht."
Ich habe mich über die Antwort gefreut weil sie eindeutig ist und weil sie meiner Auffassung der verschiedenen Regelungen entspricht. In denen konnte ich nämlich eine solche Pflicht nirgends finden (und es kann ja nur gelten was auch irgendwo auffindbar niedergeschrieben ist).
Die Antwort und der Inhalt der Seite B im Widerspruch stehen jetzt allerdings im Widerspruch. Deshalb hatte ich gleichzeitig auch ein Problem mit der Antwort, denn sie ging in keinem Wort auf diesen Widerspruch ein, auf den ich in meiner Anfrage indirekt hingewiesen hatte: "Sofern es eine solche Verpflichtung nicht gibt, warum wird sie bei [Seite B] aufgeführt?". Hier beginnt vermutlich die Zeit, in der ich der Bahn auf die Nerven, denn ich schrieb ihr dass die Darstellung der Seite B demnach falsch ist, und es heißen müsste "Wie viele Personen mit Ihnen reisen, wird jedoch bereits beim Kauf der Fahrkarte festgelegt."  Die Antwort darauf war das Gegenteil von hilfreich:
"Der Inhalt Ihrer Darstellung ist der gleiche. Sie legen beim Kauf der Fahrkarte fest, wie viele Personen fahren und es können auf Ihrer Verbindung Reisende zu- bzw. aussteigen. Um Missbrauch vorzubeugen tragen Sie die Namen der Reisenden auf dem Länder-Ticket ein."
Diese "Antwort" sind vier weitere Gründe, schlecht auf die Bahn zu sprechen zu sein.
1. Der Inhalt meiner Darstellung ist nicht der gleiche.
2. Dass ich festlegen muss wieviele reisen war mir klar und deshalb nicht meine Frage.
3. Was ist mit der Forderung dass bekannt sein muss wer mitfährt?
4. Auf dem aktuellen Länder-Ticket ist nur ein Feld für einen Reisenden. Die Felder für andere Reisenden kommen erst noch.

Das nächste mal auf eine Aussage, die nun wiederum der Auskunft widerspricht, dass keine rechtliche Verpflichtung besteht, dass die Namen der Reisenden beim Kauf feststehen müssen, ist auf den Fleyern zu finden, die die Bahn verteilt und auf der passenden Internetseite. Dort steht
"Wer mit Ihnen reist, muss jedoch bereits beim Kauf der Fahrkarte festgelegt werden - ein Austausch der Mitfahrer ist nicht zulässig"
Mich beschleicht der Verdacht, dass die Bahn die "unflexible" Namenseintragung einführen will und quasi herbeiredet, dass es auch schon heute nicht erlaubt sei auf gut Glück (d.h. ohne Kenntnis der Mitreisenden und damit deren Namen) ein Bayern-Ticket zu kaufen.  Eine Mitarbeiterin zu der mich ein Anruf unter der zentralen Service-Nummer führte, ging sogar noch fünf Schritte weiter, indem sie (nur im ungefähren Wortlaut - habe das Gespräch nicht aufgezeichnet oder Steno geschrieben) sagte:
"Wenn Sie nicht wissen, wer mit Ihrem Ticket fährt sind Sie ein Schlepper!"
Mir ist wichtig zu erwähnen, dass sie das nicht mit Bezug auf mich gesagt hat, sondern nur in der Diskussion um die Regelungen ("was wäre wenn?").
Wenn man die Duden-Definition von "Schlepper" hernimmt und die abwertende Nutzung annimmt, könnte das noch als bloße beleidigende Äußerung gegenüber Leuten, die auf gut Glück ein Ticket gekauft haben, durchgehen. Wenn man "Schlepper" synonym mit "Betrüger" verwendet, wie es die Bahn tut "In Bayern sind Betrüger (,Schlepper') unterwegs [...]" ist das schon eine dreiste Unterstellung eines Vergehens auf das Geldstrafe oder Gefängnis bis zu 5 Jahre steht (oder in schweren Fällen bis zu 10 Jahre). Was macht es für das Vermögen der Bahn für einen Unterschied ob einer alleine zum Hauptbahnhof fährt und die Mitfahrer dort spontan findet, oder ob sich die Gruppe zuvor bei Facebook/Mitfahrgelegenheit gefunden hat? Noch viel weniger Schaden am Vermögen hat die Bahn, wenn einer alleine mit einem Ticket für fünf Personen zum Hauptbahnhof fährt, niemanden findet und alleine weiter fährt. Die erwähnte Mitarbeiterin meint aber offenbar allen Ernstes, dass der Reisende bereits auf dem Weg zum Hauptbahnhof ein Schlepper und damit ein Betrüger sei. Ich würde sehr gerne von einem Juristen der Bahn seine Auffassung zu der Aussage hören...

Nach diesem Gespräch habe ich weitere offene Fragen, die wohl nie beantwortet werden. Die spannendste ist, wie sich die Kontrolleure in Zivil verhalten und ob es Zivilpolizisten sind, wie hier beschrieben:
"Wie geht die Bahn gegen die 'Schlepper' vor? 
Zivilpolizisten treiben sich an Automaten herum, fahren mit dem gleichen Zug wie die Bayern-Ticket-Reisegruppe und warten, was der Käufer des Tickets am Zielbahnhof macht. Wenn er sich andere Reisende sucht und mit ihnen weiterfährt, geben sie sich zu erkennen. Die Bahn zeigt den 'Schlepper' an und erteilt ihm Hausverbot."
Wenn die Kontrolleure (und auch die Polizisten - sofern das nicht die selben sind) wissen, dass Reisende gerade "Opfer" (das wirkliche Opfer ist natürlich die Bahn, die den Schaden es entgangenen Gewinns hat) eines Schleppers werden, und diese nicht davor warnen finde ich das extrem perfide: Die Reisenden werden geopfert um einen Betrüger des Betrugs überführen zu können - und die Bahn sieht auch nicht immer von der Fahrpreisnacherhebung ab. Wenn die Polizei einen mutmaßlichen Taschendieb so lange beobachtet, bis er eine Person beklaut und ihn dann festnimmt, wurde bewusst in Kauf genommen, dass das Opfer ein solches wird. Hier kann aber der Schaden vom Opfer, durch Rückgabe des sichergestellten Diebesguts, die Folgen des Opferwerdenlassens wieder auf 0 ausgeglichen werden. Bei den getäuschten Fahrgästen ist das nicht der Fall, sie müssen nach der Überführung des (mutmaßlichen) Betrügers ja eine Fahrpreisnacherhebung zahlen. Das Opfer des Betrug, die Bahn, steht damit finanziell besser da, wenn die anderen Reisenden nicht gewarnt werden. Diese sind quasi Kollateralschaden.

Ich frage mich auch wer trägt eigentlich die Verantwortung für welchen Schaden? Der Betrüger für den Betrug und die Fahrpreisnacherhebung, weil er die Bahn betrogen und die Reisenden getäuscht hat (oder nur eines davon), die Reisenden für die Fahrpreisnacherhebung, weil sie sich täuschen liesen und ohne gültige Fahrkarte fuhren, die Kontrolleure für den Betrug und die Fahrpreisnacherhebung, weil sie die Reisenden nicht auf die Täuschung aufmerksam gemacht und den Betrug verhindert haben (oder nur eines davon) oder die Bahn für die Fahrpreisnacherhebung, weil sie von den getäuschten Reisenden eine Fahrpreisnacherhebung einfordert für den Fall, dass sie über ihre Kontrolleure dafür hatte sorgen können, dass die Reisenden nicht getäuscht werden?

Aber auch diese Frage wird vermutlich leider nie beantwortet werden. Was bleibt ist die Befürchtung, dass selbst die Bahn nicht so genau weiß was jetzt eigentlich rechtlich erlaubt ist und was nicht, und dass ihr das auch vollkommen egal ist.

Nachtrag 18.12.2013 23:02 Uhr:
Ich versuche mich kurz zu halten: mit den neuen Regelungen zum Bayern-Ticket bin ich grundsätzlich zufrieden.
  1. Durch die Pflicht die Namen aller Reisenden einzutragen (Punkt 3.4), kann Mitreisenden nicht mehr wahrheitswidrig versichert werden auf „freien Plätzen“ eines Tickets mitzufahren (sofern nicht Namen ausradiert wurden. Es wäre gut, wenn jeder ehrliche Reisende einen eigenen Kugelschreiber benutzt von dem er weiß, dass er nicht ausradiert werden kann.).
  2. Es ist erlaubt, dass Reisende unterwegs zusteigen (Punkte 3.4 und 6.1) und ihren Namen unmittelbar nach ihrem Zustieg eintragen. Das heißt im Umkehrschluss, dass es freie Felder auf dem Ticket geben darf. Dadurch und durch die Tatsache, dass es keine explizite Pflicht gibt die Mitreisenden vor der ersten Fahrt zu kennen (und ich auch keine implizite Pflicht erkennen kann) gehe ich von einer flexiblen Regelung aus, wie ich sie mir hier vorgestellt habe.
  3. Meine Auffassung, dass nur die (vermeintlich) Ausgetauschten – ein Austausch ist nach wie vor ausgeschlossen – ohne gültiges Ticket fahren und das Bayern-Ticket aber seine Gültigkeit behält, sehe ich bestätigt. In den Regelungen heißt es im Punkt 6.3 dazu: „Nach Fahrtantritt […] ist der Austausch von Personen ausgeschlossen. Die im Austausch hinzugekommene Person ist ohne gültige Fahrkarte.“ (Hervorhebung von mir)
Offene Fragen zum Ticket und zum Umgang mit "Schleppern" sind also nach wie vor: Besteht eine rechtliche Verpflichtung alle Reisenden beim Fahrkartenkauf zu kennen? Gibt es einen Hauptreisenden ohne den andere Reisende nicht mit dem Ticket fahren dürfen? Haben die zivilen Kontrolleure am Bahnsteig beobachtet, wie Reisenden von „Schleppern“ vorgegeben wurde auf dem Ticket mitfahren zu können?

Nachtrag 03.02.2014 15:30 Uhr:
Die erste offene Frage wurde mir per E-Mail (erneut) mit Nein beantwortet. Ebenso die zweite Frage. Zusammengenommen schließe ich aus der E-Mail, dass es folgendes erlaubt ist: Person X fährt mit dem Bayern-Ticket von A nach B, dort steigt Person Y (deren Namen Person X nicht  kennen muss) zu. Zusammen fahren sie nach C, dort steigt Person X aus und Person Y fährt mit dem selben Bayern-Ticket weiter nach D. (Selbstverständlich muss Person X und Bayern-Ticket für 2 Personen kaufen und sich unmittelbar nach Fahrtantritt auf dem Ticket eingetragen, ebenso Person Y.) Damit das möglich ist, ist es erlaubt sein, dass der Ticket-Nutzer nicht ganz oben auf dem Ticket steht.