Donnerstag, 15. Januar 2015

Ein Wunsch

Ich bin der Meinung, dass wir alle als Einzelpersonen und als Gesellschaft nicht nur über Presse- und Meinungsfreiheit, Religionskritik und kritisierte Religionen diskutieren müssen, sonder auch den Stellenwert von Religion in unserer Gesellschaft neu bestimmen sollten.

Eine Frage für die Menschen in Bayern wäre bspw. ob es noch angemessen ist, dass in Artikel 131 der Verfassung als eines der obersten Bildungsziele als erstes die Ehrfurcht vor Gott genannt wird - noch vor der Achtung vor der Würde des Menschen. In Schleswig-Holstein wurde und wird über die Notwendigkeit eines Gottesbezuges in der Präambel der Verfassung diskutiert (http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/pro-gottesbezug-katholiken-in-sh-planen-volksinitiative-id7903996.html). Auf den Inhalt von Verfassungen zu schauen finde ich sehr wichtig, denn Verfassungen sind nicht nur ein Text: sie geben dem Staat und damit dem täglichen Miteinander einen Rahmen. Deren Inhalt beeinflusst die Bürger und die Bürger beeinflussen die Verfassung. Wenn Teile einer Verfassung nicht mehr zum Leben der Bürger passen (oder fehlen), werden sie mit einer breiten Stimmenmehrheit geändert (bzw. hinzugefügt). Solche Änderungen sind nicht häufig notwendig, da die Verfassungen sehr allgemein gehalten sind und grundsätzliche Überzeugungen abbilden – und Grundsätzliches ändert sich (zum Glück) nur selten.

Die Einstellung der Menschen gegenüber Religion aber hat sich seit dem Bestehen der BRD und ihren Landesverfassungen verändert. Nicht nur bei den Anteilen der Konfessionszugehörigkeit (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d1/Entwicklung_Religionen_Deutschland.png), hat sich manches getan, sondern auch innerhalb und zwischen den Konfessionen. Die Welt von 2015 ist eine andere als die der Nachkriegsjahre. In den neuen Bundesländern sind die Verfassungen wesentlich jünger, was eine Diskussion über den Stellenwert von Religion aber nicht hinfällig macht – auch seit der Wiedervereinigung hat sich die Welt stark verändert.

Die Verfassungen, Gesetzestexte und die persönliche Einstellung müssen mit diesen Veränderungen in Einklang gebracht werden – was einen iterativer Prozess in Gang setzen würde, da sich dadurch die Gesellschaft wieder verändert. Durch überlegte und breit diskutierte, Gesetze, die im besten Fall einen Konsens abbilden und einen Ausgleich der Interessen ermöglichen, könnte es gelingen, Spannungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen (die in Deutschland ohne Zweifel vorhanden sind) abzubauen.

Wenn wir über die notwendigen Veränderungen diskutieren, sollten wir uns bewusste sein: nichts ist ausschließlich gut oder schlecht – weder Religiosität noch Irreligiosität – denn gut und schlecht sind menschliche Zuschreibungen und damit abhängig davon wer diese vornimmt.

Nachtrag 24.01.2015 13:00 Uhr:
Das Thema wird an manchen Stellen diskutiert: Simon Urban sieht Probleme durch die aktuelle Bevorzugung des Christlichen Glaubens (und ihren Kirchen) in einer erhöhten Erwartungshaltung anderer Glaubensgemeinschaften und spricht sich in der Zeit für "[...] die strikte Verbannung jedweder Religion ins Privatleben und die überfällige Etablierung eines rigorosen Laizismus, der alle Glaubensgemeinschaften in Deutschland gleichstellt. [...] Und der jeden Anspruch von Bischöfen und Imamen, sich über reine Kirchenarbeit hinaus in das öffentliche Leben eines säkularen Landes einzumischen, entschieden zurückweist" (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/laizismus-pegida-religioese-gleichberechtigung) aus.
Ebenfalls in der Zeit, beschreibt Wenke Husmann was es bedeuten kann, wenn Religion nicht nur aus dem Staatswesen, sondern auch aus dem Leben in der Öffentlichkeit verbannt wird: "Da der französische Staat die religiösen Auffassungen seiner Bürger als reine Privatsache betrachtet, in die er sich nicht einzumischen hat, gibt es keine amtlichen Statistiken zu Konfessionszugehörigkeiten. Also auch keine verlässlichen Zahlen als Grundlage beispielsweise für eine Debatte zu Segregation und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Was aus aufgeklärter Sicht so überzeugend erscheint – alle Menschen sind gleich, also erfassen wir Unterschiede nicht –, führt in der Realität zum Gegenteil. Der Laizismus wirkt wie eine Decke, die jede Auseinandersetzung mit den Religionen erstickt und unter der Ressentiments unerkannt gedeihen können." http://www.zeit.de/kultur/2015-01/frankreich-laizitaet-laizismus-integrationspolitik.

Neben den Gedanken zum Stellenwert der Religion in der Gesellschaft sollten wir uns auch überlegen, wie wir besser miteindander umgehen können. Ich stimme seiner Ansicht nicht immer zu, lese aber sehr gerne "die Gewissensfrage"-Kolumne von Rainer Erlinger im SZ-Magazin (http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/liste/l/10), da es (wenn man versucht die Frage selbst zu beantworten, bevor man die Erlingers Antwort liest) einen zwingt sich Gedanken zu machen, was die Folgen und unterschiedlichen Handlungen wären - was nur geht, wenn man sich in andere hinein versetzt. Darüber hinaus macht einen Erlinger mit philosophischen Konzepten vertraut und scheut sich auch nicht, dem Fragensteller (und dem Leser der sich ähnlich dem Fragensteller verhalten hätte) ein schlechtes Gewissen zu machen und überzeugend aufzuzeigen, wie es besser ginge. Unerwartet schön fande ich auch Hermann Hesses "Peter Camenzind" in dem wunderbar beschrieben ist, wie der Protagonist eine Liebe zu seinen Mitmenschen entwickelt (auch wenn er sich teilweise dazu zwingen muss).