Montag, 7. März 2016

Facebook und der Hass

Überlegungen ob ich Facebook wegen des darin verbreiteten und nicht gelöschten Hasses den Rücken kehren soll.

Erste Überlegung

Ist es legitim ein Verhalten zu missbilligen, das der Staat nicht bestraft? Oder anders gefragt: muss man erdulden was ein anderer tut, wenn der Staat ihm die Freiheit einräumt es zu tun?

Es ist gut, dass nur Gerichte Strafen verhängen dürfen, und dass die Verfahren streng geregelt sind - andernfalls wären wir reiner Willkür ausgesetzt. Das Strafrecht regelt aber nicht alle Bereiche des Lebens und das ist für ein freie Lebensführung auch unabdingbar. Aus diesem Grund mischt sich der Staat auch nur in die persönliche Lebensführung ein, wenn es gute Gründe dafür gibt.

Im Gemeinschaftsleben gibt es aber viele Zwischentöne zwischen "super" und "strafbar". Nicht jeder muss den außerehelichen oder homosexuellen Geschlechtsverkehr super finden, nur weil die entsprechenden Paragraphen aus dem Strafrecht gestrichen wurden – auch das ist Freiheit.

Ich finde es wichtig, dass man sein Handeln an seinen Überzeugungen ausrichtet und ausrichten darf – so lange es die Freiheit anderer nicht unverhältnismäßig einschränkt. Ein Beispiel: Brettspieler müssen nicht immer wieder der Einladung des Spieleabends-Gastgebers folgen, wenn dieser ein notorischer Schummler ist (auch wenn es ansonsten ein netter Mensch ist); sie dürfen die Einladung ablehnen. Genauso legitim ist es m.E. den Schummler von weiteren Spielabenden, die nicht der Schummler veranstaltet, auszuladen. Nicht in Ordnung fände ich eine genereller Ausgrenzung (bspw. ihn von Geburtstagsfeiern auszuladen).

In Deutschland kann man sich auch dafür einsetzen, dass ein bislang strafloses Handeln zukünftig strafbar wird (die Datenhehlerei ist bspw. erst seit Dezember 2015 ein Straftatbestand). Umgekehrt kann man auch toll finden, was unter Strafe steht, oder sich dafür einsetzen, dass es nicht mehr strafbar ist (bspw. setzt sich die Giordano-Bruno-Stiftung dafür ein, dass die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird (s. http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/petition-166-stgb). Als guter Demokrat muss man dann aber selbstverständlich auch akzeptieren, dass es geltendes Recht ist und ein Verstoß dagegen verurteilt wird.

Meine Antwort zur ersten Überlegung lautet deshalb: Ja, man darf missbilligen was der Staat nicht bestraft und muss nicht alles erdulden. Im Rahmen der Verhältnismäßigkeit und der eigenen Freiheit darf man auch entsprechend der inneren Haltung handeln.

Zweite Überlegung

Kann ich gegenüber Facebook die Erwartungshaltung haben, nicht strafbaren Hass zu löschen?

Ich habe eine große Abneigung gegenüber Hasskommentaren auf Facebook, da sie (grundsätzlich richtige und notwendige) Diskussionen vergiften und die Lösungs-/Kompromissfindung unglaublich erschwert oder so verlangsamt wird, dass sie in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht zustande kommt. Einige Kommentare richten sich auch schlicht und ergreifend gegen die Würde des Menschen. Rein intuitiv gehe ich auch davon aus, dass sich (analoge) Gewalttäter durch die hasserfüllte Atmosphäre zu ihren Taten motiviert oder in ihrem Vorhaben bestärkt sahen.

Basierend auf der ersten Überlegung bin ich der Meinung, dass ich die Hasskommentare nicht erdulden muss. Ich persönlich habe auf Facebook die Möglichkeit bestimmte Kommentare – oder gleich alles von der verbreitenden Person (eine Facebook-Freundschaft (die im echten Leben keine war) habe ich bisher aufgegeben) – nicht mehr anzeigen zu lassen. Aber nur weil ich die Hasskommentare nicht mehr sehen kann, hören sie natürlich nicht auf, die Diskussion zu vergiften, weshalb ich sie gerne löschen würde. Als einzelner Nutzer kann ich das nicht persönlich – was auch sehr richtig ist, sonst gäbe es vermutlich kaum noch Diskussion. Ich kann aber Facebook anregen, solche Kommentare zu löschen. Facebook führt dann eine Löschen– vs. Behalten–Enscheidung durch.

Kann ich verlangen, dass Facebook den nicht strafbaren Hass als genauso schädlich sieht wie ich? Ich würde hier zugunsten der unternehmerischen Freiheit entscheiden und sagen, dass Facebook das Recht hat, (unter anderem) eine Plattform für nicht strafbaren Hass zu sein.

Ob Facebook das sein will oder nicht ist ein nächster Aspekt. In seinen Gemeinschaftsstandards schreibt das Unternehmen: „Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen:
  • Rasse,
  • Ethnizität,
  • Nationale Herkunft,
  • Religiöse Zugehörigkeit,
  • Sexuelle Orientierung,
  • Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität oder
  • Schwere Behinderungen oder Krankheiten.“
(https://de-de.facebook.com/communitystandards) Es hat also das erklärte Ziel bestimmten Hass zu löschen. Mir persönlich ist die Definition von Hassbotschaft aber zu eng gefasst. Hass ist Hass, nicht nur wenn er sich gegen die genannten Gruppen richtet! Leider verstoßen beispielsweise sadistische, menschenunwürdige Gewaltphantasien gegen Kinderschänder nicht gegen die aktuellen Gemeinschaftsstandards. Ich möchte aber, sofern möglich, nicht Teil einer Gemeinschaft sein, in der der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ausnahmen kennt. Noch viel weniger möchte ich, dass durch meine Mitgliedschaft so etwas (indirekt) unterstützt wird (Firmen zahlen an Facebook Geld um mir ihre Werbung zeigen zu dürfen. Mit diesem Geld betreibt Facebook Server, mit denen der Hass verbreitet wird). Der Hass ist das Eine (das Grundübel) und der Umgang von Facebook damit das Andere (das Folgeübel). Das Folgeübel sehe ich momentan sogar als gewichtiger für meine Entscheidungen.

Meine Antwort zur zweiten Überlegung: ich kann nicht von Facebook erwarten, nicht strafbaren Hass zu löschen. Aber ich kann einen Anspruch mir gegenüber formulieren: Wenn meine Haltung und die Gemeinschaftsstandards nicht zueinander passen, muss etwas geschehen. Momentan sehe ich da nur zwei Möglichkeiten: 1. Facebook überarbeitet seine Gemeinschaftsstandards dahin gehend, dass Hass sich nicht nur gegen die genannten Gruppen richten muss um gelöscht zu werden (und löscht auch entsprechend konquent). 2. Ich verlasse Facebook.

Einordnung

Zu den zwei Möglichkeiten: Sie sind natürlich keine Drohung in Richtung Facebook (so naiv bin ich wirklich nicht), sondern eine Art (sehr kurzer) Entscheidungsbaum. Ich hoffe darauf, dass Mark Zuckerberg seine Ankündigung von Ende Februar 2016 ernst nimmt und Facebook tatsächlich besser auf Hass reagiert (vgl. http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Stellt-sich-Facebook-seiner-Verantwortung,hasskommentare118.html). Nur dasitzen und hoffen will ich nicht. Im Rahmen meiner beschränkten Möglichkeiten werde ich versuchen eine Änderung der Gemeinschaftsstandards zu erreichen. Momentan fällt mir nur ein, Facebook zu schreiben, eine Initiative mit ähnlichem Ziel zu finden und zu unterstützen (oder zu gründen), die (bereits lange bestehende) Kritik in den Wikipedia-Artikel „Kritik an Facebook“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_Facebook) einzubauen. In einem Monat (also am 7. April 2016) schaue ich mir die Gemeinschaftsstandards an (und wenn nötig und möglich, deren Umsetzung). Passen meine Haltung (auch sie kann sich ja noch ändern) und die Gemeinschaftsstandards (inkl. ihrer Anwendung) immer noch nicht zusammen, verlasse ich Facebook.

Weitere Überlegungen zu meinem Vorgehen und pro und contra

Muss ich mich dem Hass stellen / dagegen argumentieren? Natürlich ist der Hass noch da, wenn ich gehe, und eigentlich wünsche ich mir, dass die Menschen realisieren, dass man eine Meinung auch ohne Hass artikulieren kann (ja, ich habe Pegida-Teilnehmer und Brandstifter „Spacken“ genannt (http://nichperfekt.blogspot.de/2015/08/fremdenhass-wird-nicht-mehrheitsfahig.html), ich wünsche aber keinem von ihnen, dass ihnen Gewalt angetan wird oder gar den Tod. Ich verabscheue ihren Fremdenhass, aber nicht sie als Menschen. Rückblickend sehe ich, dass ich zu pauschalisierend war: die Xenophoben, mit denen ich wirklich, der griechischen Wortbedeutung entsprechend, die Menschen meine, die Angst vor Fremden haben – nicht die, die Fremden feindlich gegenüber stehen – können natürlich ihre Ängste formulieren und verlangen, dass man ihre Ängste ernst nimmt und versucht sie ihnen zu nehmen. Die Mehrheit, die Fremdenfeinde, können bei mir aber nicht auf Akzeptanz hoffen, da sich Fremdenhass nicht mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung, wie ich sie mir vorstelle, verträgt).

Ich sehe aber nicht, wie ich hasserfüllten Menschen den Hass ausreden könnte. Ich habe lediglich die Hoffnung, dass sie sehen, dass nur Argumente und nicht Hass, positive Veränderungen bringen können. Damit diese Einsicht entstehen kann, müsste man hasserfüllte Argumente ignorieren und warten bis das Argument nochmals ohne Hass vorgebracht wird. Wenn ein Kommentar aber nur Hass und kein einziges Argument enthält, ist eh alles verloren. Bei Kommentaren mit Hass und Argument fühle ich aber nicht berufen zu sagen „jetzt nochmal ohne Hass, bitte.“

Ein negativer Aspekt (analog zu dem früher Formulierten – damals bezüglich Kommentaren) des Verlassens ist die Gefahr, dass wenn Menschen Facebook als repräsentativen Schnitt ansehen, sie zur Meinung gelangen könnten, die Deutsche Bevölkerung hasse vermehrt Fremde. Ein guter Aspekt, wenn viele „nicht-Hasser“ Facebook verließen, wäre dass Werbekunden abspringen könnten und Facebook gezwungen wäre etwas gegen den Hass zu unternehmen. Den größten Negativpunkt stellt aber aus meiner Sicht meine Selbstbeschränkung in meiner Freiheit dar. Wenn ich Facebook verlasse, verzichte ich auf einfache Kommunikation mit meinen Freunden, die Möglichkeit unkompliziert regelmäßig zu erfahren, was sie bewegt, der Austausch in Gruppen von Menschen mit denen ich nicht befreundet bin und auch die Möglichkeit mich selbst mitzuteilen wären stark eingeschränkt. Wäre der Hass gezielt zu diesem Zwecke eingesetzt worden wäre das äußerst problematisch.

Abwägung und Entschluss

Wenn ich jetzt diesen Verzicht und Facebooks Umgang mit dem Hass abwiege – unter Berücksichtigung meiner moralischen Ansprüche – komme ich zum Schluss, dass ich den Verzicht für Erhaltung meines guten Gewissens auf mich nehmen muss.

Nachtrag 12.03.2016 9:25 Uhr: Eben habe ich FacebookDeutschland (https://www.facebook.com/FacebookDeutschland/) mit Folgender Nachricht kontaktiert:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Facebook sollte dringend seine Gemeinschaftsstandards in Bezug auf Hassbotschaften ändern. M.E. ist die aktuelle Definition einer Hassbotschaft einfach nicht korrekt. Sie sagen eine Hassbotschaften seien "Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen:" Dann folgen sieben Punkte die jeweils eine Gruppe von Menschen beschreibt. Und hier liegt m.E. der elementare Fehler: Hass ist Hass, nicht nur wenn er sich gegen die genannten Gruppen richtet! Folgende Formulierung sollte m.E. die Ausgangsversion sein: "Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen direkt angreifen." Wenn es Ihnen wichtig erscheint, klarzustellen, dass sachliche Kritik kein Angriff ist, könnten Sie dies als Klarstellung im Folgesatz schreiben oder von Inhalten, die Personen "entwürdigend angreifen", sprechen. Die Würde des Menschen ist der Deutschen Verfassung und mir elementar wichtig, weshalb ich auch überlege Facebook zu verlassen. Ich möchte nicht Mitglied in einem Netzwerk sein, das Ausnahmen bei der Wahrung der Menschenwürde kennt, und zudem durch meine Mitgliedschaft indirekt Verletzungen dieser Würde möglich machen / aufrecht erhalten. Detaillierter habe ich das unter http://nichperfekt.blogspot.de/2016/03/facebook-und-der-hass.html aufgeschrieben.

Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,
Matthias Speidel

Jochensteinstr. 13
90480 Nürnberg

matthias.speidel@gmail.com

Ich habe prompt folgende Standard-Mail zurück erhalten:
Hallo,

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, dein Feedback zu teilen. Wir arbeiten ständig an der Verbesserung von Facebook. Daher ist es uns wichtig, Feedback von unseren Nutzern zu erhalten. Leider können wir E-Mails nicht einzeln beantworten, wir beachten jedoch alle E-Mails. Wir möchten uns dafür bedanken, dass du dir die Zeit genommen hast, um uns zu schreiben.

Falls du Probleme mit deinem Konto haben solltest, besuche unseren Hilfebereich (http://www.facebook.com/help)). Hier findest du Informationen zu Facebook sowie Antworten auf viele deiner Fragen.

Nochmals Danke für dein Feedback.
Das Facebook-Team

Nachtrag 14.04.2016 8:40 Uhr: Da Facebook weder die Gemeinschaftsstandards noch die Löschpraxis entscheidend verändert hat, habe ich gestern Facebook verlassen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen