Freitag, 14. Oktober 2016

Die befremdlichen Äußerungen des Alexander Krauß

Alexander Krauß hat zum Tod von Dschaber al-Bakr geschrieben: „Der syrische Terrorist Albakr ist tot. Im Gegensatz zu den Grünen ist das für mich kein Grund zur Trauer. Ich bin froh, dass er niemand anderen mit ins Verderben ziehen konnte.“ [http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jaber-al-bakr-suizid-in-sachsen-failed-freistaat-kommentar-a-1116399.html]

Diese drei Sätze befremden mich aus mehreren Gründen an:

  1. Krauß sagt nicht explizit, dass der Tod für ihn ein Grund zur Freude ist, aber durch die Kombination von „kein Grund zur Trauer“ (also neutral oder positiv) und „Ich bin froh, dass ...“ spricht aber für eine positive Haltung gegenüber dem Tod al-Bakrs. Ich denke aber, dass es „normal“ ist jeden Tod eines Menschen zumindest mit gemischten Gefühlen zu betrachten, wenn man etwas Menschlichkeit und Empathie in sich trägt. Selbst der Tod von Menschen, von denen eine tatsächliche Gefahr ausgeht, ist meines Erachtens nie nur positiv. Denn es sollte jeden nachdenklich machen, wenn ein Mensch in Notwehr oder Nothilfe getötet wird, weil er so „abseitig“ (damit meine ich im Blut- oder Drogenrausch, psychisch krank, fanatisiert etc.) war, und die von ihm ausgehende Gefahr nicht anders abgewendet werden konnte. Auch wenn ein Mensch aus freien Stücken und wohlüberlegt sein Leben beendet (ein Recht, das ich, sofern niemand anderes daran Schaden nimmt (egal ob körperlich oder seelisch), begrüße), hat dieser Mensch Mitgefühl verdient, da es ihm in dieser Welt offenbar (egal ob tatsächlich oder nur vermeintlich) so schlecht ging, dass er von ihr gehen wollte. Ich möchte aber nicht sagen, dass man um jeden Tod trauern muss. So wie man meiner Meinung nach, Menschen nicht für ihre Trauer verurteilen sollte, sollte man sie auch nicht für ihre nicht-Trauer verurteilen (s. Punkt 4). Aber reine Freude über einen Tod finde ich seltsam. Als Blick zurück zu Ähnlichem bietet sich hier natürlich die Äußerung von Angela Merkel zum Tod von Osama bin Laden an „Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“[http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-05/bin-laden-merkel-koalition-streit].
  2. Nur ein kleiner, sprachlicher Punkt: er spricht von „den“ Grünen, was einfach eine bescheuerte (wenn auch alltägliche) Verallgemeinerung ist. Mehr Zeit zu Differenzierung muss sein.
  3. Über traurige Politiker der Grünen habe ich nichts gefunden, nur Statements die die Tatsache, dass sich al-Bakr töten konnte kritisieren vgl. [hier] oder [hier]. Nur Al-Bakrs Anwalt äußerte explizit Trauer: „Al-Bakrs Pflichtverteidiger Alexander Hübner zeigte sich 'entsetzt und traurig'“[http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/politiker-al-bakr-selbstmord-reaktionen]. Den Grünen Trauer nachzusagen (wobei ich Trauer gar nicht schlimm fände (s. Punkt 1)) erweckt bei mir den Verdacht, dass Krauß hier ein Strohmann-Argument verwendet (Übertreibung der Kritik an der Tatsache, dass sich al-Bakr töten konnte, zur Trauer) um bei den Menschen, die in diesem Fall keine Trauer verspüren (so wie es bspw. [hier] oder [hier] in den Kommentare geäußert wird), oder sie für unangemessen halten (wie offenbar Krauß), die angeblich trauernden Grünen verächtlich zu machen.
  4. Abgesehen von der Frage, ob Grüne Politiker tatsächlich trauern oder nicht; geht Krauß zu diesen auf Distanz. In den Sätzen schwingt Unverständnis über Trauer mit und eine Art Empfehlung was man eigentlich empfinden sollte. Trauer muss man aber auch nicht verstehen. Ich beispielsweise verstehe nicht wie man in Tränen ausbrechen kann, wenn sich eine Musikgruppe auflöst, würde aber nie auf die Idee kommen einer deshalb traurigen Person zu sagen „das ist kein Grund zur Trauer, sondern zur Freude.“ Ich möchte aber die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Krauß die Trauer mancher Grünen akzeptiert, auch wenn er sie selbst nicht teilt und einfach nur seine Sicht auf den Tod al-Bakrs darstellen wollte; halte dieses Szenario aber für unwahrscheinlich (vgl. auch Punkt 3).
  5. Die Aussage, dass er einfach nur froh sei, dass niemand sonst zu Tode kam ist aus zwei Gründen daneben.
    1. Erstens, war al-Bakr ja schon in Untersuchungshaft, das Fremdgefährdungspotential war also äußerst gering (die Wahrscheinlichkeit, dass er ausgebrochen oder befreit worden wäre sehe ich als vernachlässigbar klein an. Die Chance andere Gefangene oder JVA-Angestellte zu gefährden war sicher da, aber -so hoffe ich- handhabbar).
    2. Zweitens sollte man meiner Meinung nach weder über den Tod eines Tatverdächtigen noch des eines Verurteilten froh sein mit dem Argument, er können nun die ihm zu Last gelegten Strafen nicht mehr begehen. Auch zu lebenslanger Haft rechtskräftig verurteilte Mörder können sich ändern und haben eine Chance verdient, im Leben nochmals in Freiheit zu sein (das hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt), weil, da sind wir wieder beim Thema, sie sich sonst gleich das Leben nehmen könnten, wenn sie das Gefängnisleben als nicht lebenswert ansehen. Auch haben Menschen, nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben und ihre Tat bereuen, meiner Meinung nach ein Recht darauf von der Gesellschaft aufgenommen und angenommen zu werden, denn sie haben ja Buße getan. Die Gesellschaft ist dann aufgefordert, diesem Menschen zu vergeben. Das sind eigentlich ziemlich althergebrachte Begriffe und eigentlich zentral im Christlichen Glauben, weshalb es mich regelmäßig verwundert, wenn ich so etwas von Mitgliedern einer Partei höre, die ein „Christlich“ im Namen haben. Geographisch passend, Stanislaw Tillich: „Das sind keine Menschen, die sowas tun. Das sind Verbrecher.“ [http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-sachsen-tillich-nennt-provokateure-von-bautzen-und-clausnitz-verbrecher-1.2873135]
  6. Dieser Gedanke „zum Glück kann er jetzt niemandem mehr schaden“ ist sehr nahe an der Todesstrafe, denn dort ist das ein zentrales Argument dafür (neben der vermeintlichen Abschreckung und der unmenschlichen und auch tatsächlich falschen Behauptung, es würde Kosten sparen https://www.welt.de/print-wams/article608077/Die-Hinrichtung-kostet-mehr-als-eine-lebenslange-Haft.html). Und die ist bekanntlich abgeschafft. Wäre also Krauß auch froh gewesen, wenn ein JVA-Angestellter al-Bakr getötet hätte? Das Ergebnis (also die Tatsache, dass al-Bakr nun tot ist) wäre ja das selbe gewesen, nur das Zustandekommen nicht und Krauß bezieht sich ja nur auf den Tod und nicht auf das Zustandekommen des Todes (dass es al-Bakr trotz Kontrollen geschafft hat Selbstmord zu begehen). Und damit sind wir beim letzten Punkt.
  7. Ein wieder kleinerer Punkt: Das Zustandekommen des Todes wird von Krauß nicht wirklich thematisiert. Man darf aber m.e. ruhig Diskussionen zu Bereichen führen, ohne die anderen Bereiche umfassend zu thematisieren. Allerdings ist es hier schon bemerkenswert, dass ein Menschen in staatlicher Obhut umgekommen ist. Ich möchte nicht sagen, dass hier Fehler gemacht wurden (das kann ich einfach nicht einschätzen), denn grundsätzlich finde ich es richtig, dass (Untersuchungs-)Häftlinge nicht rund um die Uhr beobachtet werden, sondern auch ein gewisses Maß an Privatsphäre (die eh schon viel zu klein ist) haben. Wie oben erwähnt befürworte ich auch das Recht auf eine wohlüberlegte Selbsttötung aus freien Stücken. Deshalb sollte es meiner Meinung nach auch Gefangenen möglich sein, sich das Leben zu nehmen. Natürlich kann der Staat, Stand heute, das nicht einfach geschehen lassen, und deshalb ist es in diesem Fall eben zu erörtern, wie das passieren konnte. Unter http://www.tagesschau.de/inland/gefaengnis-suizid-101.html oder http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/leipzig-jaber-al-bakr-tod-suizid-jva/seite-2 wird das Thema Suizid in (Untersuchungs-)Haft behandelt. Für die Zukunft kann man überlegen, ob der Staat, wenn ein Selbsttötungswilliger seinen Tod wohlüberlegt und aus freien Stücken will, und der Staat von beiden Voraussetzungen überzeugt ist, ihn dabei unterstützen kann (nicht muss! Ich bin dagegen, dass jemand dazu gezwungen werden kann, jemand anderen zu töten! Noch unklar bin ich mir, wie weit andere den Willen zur Selbsttötung akzeptieren müssen in dem Sinne, dass sie nicht einschreiten dürfen.)

Zusammengefasst, stört mich an Krauß' Äußerung die ein positive Sichtweise auf den Tod (1), die Pauschalisierung auf die Grünen (2), dass er womöglich mit einem Strohmann-Argument die, von Grünen Politikern, geäußerte Kritik entwerten will (3), eine mögliche Entwertung von Trauer in diesem Fall (4), der implizite Unsinn, dass von einem Untersuchungshäftling Gefahr ausginge (5.1) und der Mangel zu sehen, dass auch verurteilte Menschen eine zweite Chance verdient haben (5.2), die Nähe der Äußerung zur Todesstrafe (6) und das nicht-Thematisieren eines diskussionswürdigen Vorgangs (7).


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